Aus: Ausgabe vom 09.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Kommentar: Schwarzer Tag für Brasilien

Von Peter Steiniger
»Freiheit für Lula«: Der Kampf für Lulas Freilassung wird auch i
»Freiheit für Lula«: Der Kampf für Lulas Freilassung wird auch international geführt werden

Seine Verfolger haben ihn, doch sie kommen zu spät. Lula ist längst eine lebende Mythengestalt und ein Symbol, weit über Brasilien und Lateinamerika hinaus. Sein Name steht schon jetzt in den Geschichtsbüchern neben solchen wie Salvador Allende, Fidel Castro oder Hugo Chávez. Wer die Brutalität Lateinamerikas aus der Historie kennt, wer auch nur erahnt, was Millionen Menschen mit diesem Namen verbinden, wird den Schmerz, die Wut und die Trauer ermessen können, den seine Gefangennahme bei ihnen auslöst. Es ist ein Stich ins Herz für Linke vieler Schattierungen.

Lula, das ist in den Augen der »kleinen Leute« in Brasilien der Mann, der nicht nur erfolgreich dafür gekämpft hat, dass der Hunger verschwindet, dass die Kinder der Armen Universitäten besuchen können, dass es Ärzte und Medizin für alle gibt. Der Name Lula hat sich in die Biographien vieler Familien eingeschrieben. Sein Kampf war vor allem auch einer, der den Menschen, die für die oberen zehntausend nicht zählen, ihre Würde zeigte. Seine politischen Fehler und schlechten Kompromisse wiegt das leicht auf. In einer Gesellschaft, die eine ­extreme Ungleichheit kennzeichnet, die seit jeher von sozialer und rassistischer Diskriminierung und Gewalt geprägt ist, hat der Arbeitersohn ohne Universitätsabschluss aus dem rückständig gehaltenen Nordosten der herrschenden kleinen arroganten weißen Elite erfolgreich die Stirn geboten. An die Stelle von Unterwürfigkeit gegenüber Washington trat ein neues Selbstbewusstsein. Er war ein Präsident, den die Welt respektierte.

Für Brasiliens Linke bedeutet dieser Tag ein neues schweres Trauma. Er kommt nicht unerwartet. Seine politischen Gegner jagen Lula seit Jahrzehnten. Ohne ihn auszuschalten, hätten sich der Medienkonzern Globo und Konsorten den kalten Putsch auch sparen können. Statt Demokratie herrscht nun der Ausnahmezustand. In einem intakten Rechtssystem wäre das Urteil gegen Lula längst annulliert worden, sein Richter Sérgio Moro säße selbst im Knast. Aber es gibt auch Gutes über Brasiliens Juristen zu sagen: Hunderte Rechtsgelehrte und Strafverteidiger kämpfen dort bereits für Lulas Freiheit. Dem Enthauptungsschlag, der gegen sie geführt wird, setzen Brasiliens Linkskräfte nun Einheit im Kampf für die Demokratie und gegen den Faschismus entgegen. Einer neuen Generation für den Kampf um die Macht hat Lula noch mit auf den Weg geholfen.

Lula hat sich gegen das Exil entschieden. Er bringt ein Opfer, weil er davon überzeugt ist, als Gefangener für seine Ideen mehr bewirken zu können. Lula weiß, dass es keinen Grund gibt, den Kopf zu senken, wenn Klassenjustiz Recht spricht. Und wir sollten wissen, dass das die Stunde der Solidarität ist.


Debatte

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  • Beitrag von Ronald B. aus . ( 8. April 2018 um 21:31 Uhr)

    Ich werde von Hand etliche Plakate für die Freilassung des ehemaligen brasilianischen Präsidenten und linken Hoffnungsträger anfertigen und am 1.Mai auf der DGB-Demo/ dem Maifest einsetzen. Auch werde ich hier in Kassel in meinen Zusammenhängen auf die baldige Durchführung einer Soli-Veranstaltung für ihn durch die PDL und auch DKP drängen. Mit antifaschistischem Gruß, Ronald Brunkhorst (DKP), Kassel-NORD!, So., 8.April 2018, 21.30 Uhr

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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