Aus: Ausgabe vom 07.04.2018, Seite 12 / Thema

Freizeit für die Volksgemeinschaft

Das »KdF-Seebad Rügen« war Teil der inneren Formierung und der Kriegsplanung des Naziregimes. Der Koloss von Prora (Teil 1)

Von Jürgen Rostock
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Totale Kontrolle. »Nur der Schlaf sollte noch als Freizeit gewährt werden« (DAF-Führer Robert Ley). Eine Naziburg mit 20.000 Betten erstreckte sich ursprünglich auf einer Länge von 4,5 Kilometern entlang der Prorer Wiek an der Ostseeküste (»KdF-Seebad Rügen«, 1936, Entwurf: Clemens Klotz, Modellfoto)

Unser Autor Jürgen Rostock (Jahrgang 1936) war bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Städtebau und Architektur der Bauakademie der DDR. Danach beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte des »KdF-Seebades Rügen« und veröffentlichte 1992 im Verlag Ch. Links das Buch »Paradies-Ruinen«, das mittlerweile in zehnter Auflage erschienen ist und als Standardwerk zu Prora gilt. Im Jahr 2000 gründete er das Dokumentationszentrum Prora, das er bis Ende 2014 leitete. Jürgen Rostock verstarb unerwartet am 25. März 2018 in Berlin. Die beiden Aufsätze, die an dieser Stelle veröffentlicht werden und nunmehr als sein politisches Vermächtnis gelten dürfen, reichte er wenige Tage vor seinem Tod bei junge Welt ein.(jW)

Der Name Prora steht heute für das einzige Seebad der Naziorganisation »Kraft durch Freude« (KdF). Es wurde in den Jahren zwischen Mai 1936 und Sommer 1939 in etwa 4,5 Kilometern Länge als großer Bogen an der Ostküste der Insel Rügen angelegt. Damals hieß das Projekt »KdF-Seebad Rügen« oder auch »KdF-Seebad Mukran«. Der Führer der »Deutschen Arbeitsfront« (DAF), Robert Ley (1890–1945), plante fünf solche Ferienanlagen an der Nord- und Ostsee.

Die Vorgeschichte dieses Bauwerks beginnt im Mai 1933. Ganz offensichtlich waren die in Parteien und Gewerkschaften organisierten Arbeiter während der Weimarer Republik die schärfsten und konsequentesten Gegner der Nazis gewesen. Sie hatten sich in Saal- und Straßenschlachten mit Hitlers Privatarmeen, mit SA und SS, auseinandergesetzt. Aber auch im Reichstag, vor Gerichten und in der Presse.

Zahlreiche Funktionäre der Arbeiter wurden nach der Machtübernahme und insbesondere nach dem von den Nazis inszenierten Reichstagsbrand umgehend verhaftet, in Konzentrationslager gesteckt und häufig auch ermordet. Hitlers Partei hieß aber »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei«, die Arbeiter alle malträtieren, einsperren, umbringen, das ging nicht, dazu waren es zu viele, und vor allem: Sie wurden für die radikale Aufrüstung und etwas später für den »Heldentod« gebraucht. Es zeigten aber bei den Wahlen im März 1933 die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD trotz aller Repression und Propaganda eine Stabilität, die für die Nazis um so ärgerlicher war, als auch die Katholiken weniger die Hitler-Partei als vielmehr das Zentrum bzw. die Bayrische Volkspartei wählten.

Täuschung der Gewerkschaften

Am 1. Mai 1933, dem internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, wollte das Regime die Arbeiter für sich gewinnen. Die Veranstaltung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin wurde von Propagandaminister Joseph Goebbels und dem Nazi-Chefarchitekten Albert Speer perfekt inszeniert. Die Berliner Betriebe marschierten geschlossen, »wenn auch nicht ganz freiwillig« – wie Goebbels später zugab. Aus dem internationalen Kampftag wurde ein Volksfeiertag der Arbeit gemacht und die Organisation eben dieser Arbeiter zerstört. Die Gewerkschaften ließen sich täuschen. In einer Erklärung des ADGB vom 15. April hieß es: »Wir begrüßen es, dass die Reichsregierung diesen unseren Tag zum gesetzlichen Feiertag der nationalen Arbeit erklärt hat. An diesem Tag soll nach der amtlichen Ankündigung der deutsche Arbeiter im Mittelpunkt der Feier stehen. Der deutsche Arbeiter soll am 1. Mai standesbewusst demonstrieren, soll ein vollberechtigtes Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft werden.«

Goebbels war von seiner Inszenierung vollauf begeistert und notierte in sein Tagebuch: »Ein toller Rausch der Begeisterung hat die Menschen erfasst. Gläubig und stark klingt Horst Wessels Lied in den ewigen Abendhimmel hinauf. Die Ätherwellen tragen die Stimmen der anderthalb Millionen Menschen über ganz Deutschland, durch Städte und Dörfer, und überall stimmen sie nun mit ein. Die Arbeiter im Ruhrgebiet, die Schiffer vom Hamburger Hafen, die Holzfäller aus Oberbayern und der einsame Bauer oben an Masurens Seen. Hier kann sich keiner ausschließen, hier gehören wir alle zusammen, und es ist keine Phrase mehr: Wir sind ein einzig Volk von Brüdern geworden.«

Viele werden das an diesem Tag auch so empfunden haben. Schon damals wäre Mut notwendig gewesen, dem psychischen Druck zu widerstehen. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuß. Der folgende Tag geriet zum »Sturm auf die Gewerkschaften«. Deren »Inbesitznahme« sei »blitzschnell und für unsere Gegner völlig überraschend« geschehen, resümierte Ley auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1934. Die neu gegründete »Deutsche Arbeitsfront« eignete sich das Vermögen der freien Gewerkschaften, alle örtlichen Zahlstellen, die Gewerkschaftskassen, gewerkschaftseigene Liegenschaften, Sportplätze, Bäder, Sportgeräte, Musikinstrumente, Büchereien usw. an. Dieses Vermögen sowie die Beiträge aus der De-facto-Zwangsmitgliedschaft für alle Arbeitenden machten die DAF zur wohlhabendsten NS-Organisation, und das blieb sie auch während der gesamten Zeit des »Dritten Reiches«. Das hinderte Robert Ley nicht daran, die wirtschaftliche Lage der freien Gewerkschaften als desolat zu schildern: Alles sei zusammengebrochen – »so sah es nahezu bei allen wirtschaftlichen Unternehmungen der Gewerkschaften aus. Es war hier wirklich einmal fünf Minuten vor zwölf, als eine Wirtschaftskatastrophe ungeheuerlichen Ausmaßes verhindert wurde.« Hitler habe ihm, Ley, den Befehl gegeben: »Sie übernehmen die Gewerkschaften, damit sie als politische Seuchenherde unserem Gegner entzogen werden. (…) Ich hoffe, dass es Ihnen gelingt, aus dem Instrument der Volksverhetzung ein Instrument der Volksgemeinschaft zu machen.«

Mit der Gründung der Arbeitsfront waren in Deutschland die Gewerkschaften verboten und abgeschafft. Das »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« vom 20. Januar 1934 regelte das Verhältnis zwischen »Führer« und »Gefolgschaft« in den Betrieben. Die DAF sollte sich auf die Gängelung der Arbeiter in den Betrieben und auf die Gestaltung der Freizeit der Beschäftigten beschränken. Sie war keine Gewerkschaft, die gemeinhin die Interessen der Werktätigen gegenüber den Unternehmern vertritt, sondern ein Bestandteil der nazistischen Politik, ein Mittel der sozialen Demagogie und letztlich ein Instrument der Unterdrückung und Kriegsvorbereitung.

Kontrolle und Gängelung während der Arbeit erschienen dem Regime nicht ausreichend. Zur Gestaltung der Freizeit gründete die DAF am 27. November 1933 eine Unterorganisation, die »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude« (KdF). Diese Gemeinschaft entwickelte sich zur massenwirksamsten und populärsten Freizeitorganisation im »Dritten Reich«. Zum KdF-Programm gehörte alles, was die Freizeit ausfüllen kann: Sport, gesellige Veranstaltungen, Theater, Konzerte, Kunstausstellungen, Hobbys, Reisen, Urlaub. Der »Volkswagen« war ursprünglich der »KdF-Wagen«. »Freizeitgestaltung privat, die sich beschränkt auf das egoistisch-individualistische Ich, hat für die Gesamtheit eines Volkes und der Menschheit keinen Sinn und Wert.«¹ Es ging um völlige Kontrolle. Jeder »Volksgenosse« sollte seine Freizeit in der KdF-Gemeinschaft verbringen. »Nur der Schlaf sollte noch als Freizeit gewährt werden.«² Als Schwerpunkt wurden Tages- und Wochenendreisen angeboten. Die große Attraktion waren Schiffsreisen nach Italien, Norwegen, Madeira und Portugal. Die Kdf-Flotte umfasste acht Passagierschiffe, davon zwei eigene Neubauten, die Schiffe »Wilhelm Gustloff« und »Robert Ley«. Auch wenn insgesamt nur zwei bis drei Prozent der Arbeiter in den Genuss einer solchen Reise kamen – es dominierte der Mittelstand mit Angestellten, Selbständigen und Beamten –, war der propagandistische Effekt enorm und trug zur Illusion einer klassenlosen »Volksgemeinschaft« bei.

»Unser Volk stark machen«

Das geplante »KdF-Seebad Rügen« war ebenfalls ein wichtiges Propagandaobjekt. Damit sollten – innenpolitischen Zwecken gemäß – Kontrolle und Disziplinierung selbst in der Freizeit gewährleistet sein und nach Maßgabe außenpolitischer Ziele die »Nerven« bzw. die physischen Kräfte der Volksgenossen für den geplanten Krieg gestärkt werden. Erhellend dazu sind die Ausführungen Leys: »Alles das, was wir tun, dieses Schiff, ›Kraft durch Freude‹, alles, alles dient nur allein dem einen, unser Volk stark zu machen, damit wir diese brennendste Frage, dass wir zuwenig Land haben, lösen können. Wir fahren Sie nicht in die Welt hinaus zum Spaße, ich habe hier nicht einen Reiseverein gegründet, ›Kraft durch Freude‹, Amüsierklub und ähnliches, das lehne ich ab – oder nur um Italien kennenzulernen oder Portugal zu sehen, das ist lächerlich und mir furchtbar gleichgültig – nein, damit Sie Nerven bekommen, damit Sie die Kraft haben, dass, wenn der Führer einmal diese letzte Frage lösen wird, dann 80 Millionen in höchster Kraft hintreten vor ihn.«³

Eine karge, unberührte Landschaft nördlich von Binz auf Rügen, die Prorer Wiek, wurde für den Bau des »Kraft-durch-Freude-Bades« ausgewählt. Die Zeitung Der Angriff meldete am 31. Juli 1935 das Vorhaben. Am 30. Juli hatte sich Ley mit einigen Vertrauten, aber auch mit den Architekten Clemens Klotz und Julius Schulte-Frohlinde sowie mit dem Eigentümer des vorgesehenen Baugeländes, Malte von Veltheim, Fürst zu Putbus, zu einem Frühschoppen im Hotel Fürstenhof in Saßnitz getroffen. In dem überlieferten handschriftlichen Protokoll dazu heißt es: »Dr. Ley eröffnete den Anwesenden, dass er im Auftrage des Führers und Kanzlers Adolf Hitler und nachdem Dr. Ley soeben eine entsprechende Besichtigung durchgeführt habe, den Pg. (Parteigenossen; jW) Malte von Veltheim frage, ob er gewillt sei, den Küstenstreifen längs bei Prora von Mukran bis Binz zwischen dem Meer und der Straße Saßnitz–Binz für die Errichtung des ersten KdF-Strandbades in einem neuen Deutschland Adolf Hitlers entsprechenden Ausmaß zur Verfügung zu stellen bereit sei. Pg. Malte von Veltheim erklärte sich im Hinblick auf die von Dr. Ley dargelegte Bedeutung des Projektes bereit, das eben gekennzeichnete Land abzugeben. Dr. Ley dankte ihm im Namen der deutschen Menschen, denen dieses Werk gilt. Die Vereinbarung wurde durch Handschlag besiegelt.«⁴

Bereits vorher hatte Ley zunächst den Kölner Architekten Clemens Klotz und das Entwurfsbüro der DAF unter Julius Schulte-Frohlinde mit der Planung für das Seebad beauftragt. Die Entwürfe wurden auf dem Parteitag der NSDAP im Herbst 1935 in Nürnberg vorgestellt. Ley erhielt dabei offenbar nicht das Plazet von Hitler, denn im Januar 1936 wurde dann von Speer ein geschlossener Architekturwettbewerb ausgelobt, und die Architekten German Bestelmeyer, Emil Fahrenkamp, Hermann Giesler, Hans Gonser, Konstanty Gutschow, Georg Holzbauer, Oskar Jäger, Clemens Klotz, Erich zu Putlitz, Julius Schulte-Frohlinde und Heinrich Tessenow wurden dazu eingeladen.

Sieben Tage reichen

Am 18. Februar veranstaltete die Deutsche Arbeitsfront eine Arbeitstagung mit diesen Architekten, und Ley hielt einen »längeren grundsätzlichen Vortrag über die Anlage und die kulturelle Bedeutung des Seebadprojektes«.⁵ Die Idee stamme »vom Führer selbst«. Die Arbeiter fühlten sich in den vorhandenen Bädern nicht wohl. Das sei der Grund, weshalb Hitler ihm den Auftrag gegeben habe, ein eigenes »Kraft-durch-Freude-Seebad« zu schaffen, das das »Gewaltigste und Größte von allem bisher Dagewesenen werden müsse«. Hitler, so Ley, habe vorgegeben, das Bad solle 20.000 Betten haben, im Kriegsfall als Lazarett verwendet werden und eine große Festhalle in seinem Zentrum erhalten.

Mehr als zehn Tage Urlaub, befand Ley, könnten nicht gewährt werden, da das Reich im Wettbewerb mit anderen Nationen um einen »Platz an der Sonne« stehe. Bereits sieben Tage seien ausreichend. »Wenn man den Urlaub intensiviert, kann man denselben Erfolg haben wie mit drei oder vier Wochen. (…) Wenn der Mensch in das Seebad kommt, dann muss er sofort seine Vergangenheit vergessen. Ich möchte es so einrichten, dass er in einen Trubel hineinkommt, der ihm den Atem benimmt, dass er vor lauter Musik, Tanz, Ins-Theater-Gehen usw. nicht zu sich selbst kommt. (…) Von der ersten Stunde an muss der Mensch von der berauschenden Umgebung befangen werden bis zur letzten Sekunde, wenn er in den Zug steigt. Das ist auch der Wunsch des Führers, und wir wollen daher das Bad mit allem ausstatten, was es überhaupt gibt, mit Theater, Kino, Kabarett, Musik, Tanzflächen usw. Im Seebad wird es keine Standesunterschiede geben, aber wir werden eine ganze Reihe verschiedenartiger Zerstreuungen bieten: Bierstuben, Kaffees, Etablissements usw., so dass sich die Menschen die Vergnügungsstätten nach Belieben aussuchen können.« Zwei Reichsmark sollte der Aufenthalt jeden Besucher am Tag kosten, und die Baukosten sollten 50 Millionen Reichsmark betragen. Geld, das zuvor von den Gewerkschaften und Arbeiterparteien beschlagnahmt worden war.

Der Wettbewerb wurde erst im Sommer 1936 entschieden, der Grundstein aber bereits am 2. Mai gelegt, dem dritten Jahrestag des »Sturms auf die Gewerkschaften«. Ein Bad für Arbeiter sollte Prora werden. Aber am Tag der Grundsteinlegung waren einzig Uniformierte aufmarschiert: Soldaten, SA, SS, Würdenträger – gegliedert in Blöcken, auf dem Wasser Kriegsschiffe, in der Luft Militärflugzeuge. Ley hielt die Festrede. Dann wurde es still um den zukünftigen Bauplatz. Der Grundstein stand einsam am Strand. Erst am 1. November bezog die Bauleitung das Kurhaus Prora in Binz.

Clemens Klotz, der Architekt des Seebads, war nach der Machtübertragung 1933 durch Protektion von Ley zum »Architekten der Reichsleitung für die Errichtung der Schulungsbauten der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront« ernannt worden und erhielt Aufträge u. a. für ein »Haus der deutschen Arbeit« und ein »Gauforum« in Köln sowie für die »NS-Ordensburgen« Krössinsee in Pommern und Vogelsang in der Eifel. Klotz beauftragte den Kölner Architekten Wilhelm Heidrich mit der Bauleitung auf Rügen.

Das »KdF-Seebad der 20.000« gehörte zu den großen repräsentativen Bauvorhaben im »Dritten Reich«. Seine Architektur ist in wesentlichen Teilen der Moderne verpflichtet, was sich an dem abgerundeten, schiffsartigen Baukörper sowie an den flachen bzw. Kragdächern und insgesamt an seiner Funktionalität zeigt. Es gibt einen zentralen Festplatz mit (ursprünglich geplanter) Festhalle, und an beiden Seiten erstrecken sich Bettenhäuser in zwei Kilometern Länge. Die langen Fronten sollten gegliedert werden durch zehn zum Strand vorgebaute, verglaste Restaurantkomplexe, die sogenannten Gemeinschaftshäuser. Die Festplatz-Randbebauung ist teilweise ebenfalls im modernen Stil, teilweise auch klassizistisch repräsentativ gehalten.

Nach der Grundsteinlegung 1936 dauerte es zwei Jahre, bis im April 1938 mit der Fundamentierung begonnen wurde. Die leistungsfähigsten deutschen Baufirmen wurden beauftragt, und im Oktober desselben Jahres war bereits Richtfest für das erste der 500 Meter langen Bettenhäuser. Nach Presseberichten arbeiteten hier 1938 2.300 Arbeiter, die »aus allen Teilen des Reiches nach Rügen gekommen sind«, wie das NSDAP-Zentralorgan Völkischer Beobachter in seiner Ausgabe vom 29. Mai 1938 schrieb. Hans Schulten war als Mitglied der Bauleitung in jungen Jahren aus Köln nach Prora gekommen. »Ich entstamme einer alten SPD-Familie, und mein Vater hatte mich schon beizeiten gewarnt, aber nun – ich fing hier an umzukippen, weil ich den Krieg ja nicht ahnen konnte. Ich hab’ gesagt: Das ist glänzend, was hier geschieht, wenn das wirklich dem kleinen Mann zugute kommt. Ich war begeistert. Ich kriegte eine Wohnung, ein Ehestandsdarlehen, konnte heiraten.«⁶ Trotzdem ist Schulten als einziger aus der Bauleitung in Prora nicht in die NSDAP eingetreten.

Nie fertiggestellt

Das »KdF-Bad« ist nie fertiggestellt und als solches nie genutzt worden. Mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurden die Arbeiten eingestellt. Die meisten Gebäude waren im Rohbau fertig. Hans Schulten: »Als der Krieg mit Polen ausbrach, kam ein Mann von der Organisation Todt und sagte: ›So, meine Herren, jetzt ist hier vorerst Feierabend. Der Sieg ist ja schnell erreicht, und dann machen wir weiter.‹ Man konnte ja nicht ahnen, dass es ein Weltkrieg wurde. Dann mussten wir einen Großteil der Geräte nach Peenemünde und zum Westwall schaffen. Daran können Sie schon erkennen, dass dieses Haus mit dem Krieg gar nichts zu tun hatte. Es war das erste, was zugemacht wurde.« Das ist nachweislich falsch. Der Krieg bemächtigte sich des KdF-Bades wie übrigens auch der KdF-Flotte. Während des Krieges mussten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter die Anlage für kriegsnahe Ziele provisorisch ausbauen: Sie diente der Ausbildung von Polizeieinheiten, der Unterbringung von Flüchtlingen und von Ausgebombten aus Hamburg, der Ausbildung von Marinefunkerinnen, den sogenannten Blitzmädeln, und war zeitweise Lazarett. Die in Prora ausgebildeten Polizeibataillone wurden u. a. in Norwegen, in der Sowjetunion, in Polen, in den Niederlanden und in Griechenland eingesetzt und waren an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt. Im Mai 1945 standen die langen Gebäudezeilen zum großen Teil rohbaufertig am stillen Strand der Ostsee und wurden zunächst von der Roten Armee in Beschlag genommen.

Es gibt zahlreiche bauliche Hinterlassenschaften aus dem »Dritten Reich«, Prora jedoch ist die einzige, die exemplarisch für die Sozialgeschichte und für den schönen Schein steht und damit einen singulären Beitrag zur Deutung und Entmystifizierung dieses Abschnitts deutscher Geschichte leisten kann. Falls denn die Gebäude in ihrer ursprünglichen Gestalt weiterhin erkennbar bleiben.

Anmerkungen

1 In: Bekleidung, Folge 14 vom 15. Juli 1938, S. 1

2 Robert Ley zitiert nach Nerdinger, Winfried: Versuchung und Dilemma der Avantgarde im Spiegel der Architekturwettbewerbe 1933–1935. In: Frank, Hartmut (Hg.): Faschistische Architekturen. Planen und Bauen in Europa 1930–1945, Hamburg 1985, S. 75

3 Ley, Robert: Rede am 11. Juli 1938 auf dem KdF-Schiff »Wilhelm Gustloff«,

Bundesarchiv R 58/944

4 Handschriftliches Dokument beim Dokumentationszentrum ­Prora

5 Niederschrift, Staatsarchiv Hamburg, 621-2/11, A203-1 (Nachlass Gutschow)

6 Text aus einem Videointerview des Verfassers mit Bauleiter Hans Schulten, 1992


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