Aus: Ausgabe vom 07.04.2018, Seite 6 / Ausland

Grenzenlose Jagd

Ankara behauptet, Gülen-Anhänger aus 18 Ländern in die Türkei verschleppt zu haben

Von Nick Brauns
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Protest gegen Auslieferung: Demonstrantin gegen die Kooperation der kosovarischen Regierung mit Ankara (Pristina, 30.3.2018)

Die türkische Regierung rühmt sich, 80 türkische Anhänger der als Drahtzieherin des Putschversuchs im Juli 2016 geltenden islamisch-konservativen Gülen-Sekte aus dem Ausland in die Türkei verschleppt zu haben. Die mutmaßlichen Anhänger des im US-Exil lebenden pensionierten Imam Fethullah Gülen seien vom Geheimdienst MIT in 18 verschiedenen Ländern »eingepackt und die die Türkei gebracht« worden, behauptete Vizeministerpräsident Bekir Bozdag am Donnerstag gegenüber dem Fernsehsender Habertürk.

Ende 2013 war das langjährige Bündnis zwischen der regierenden AKP-Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan und der im Staatsapparat einflussreichen Gülen-Bewegung im Streit um Pfründe und Posten zerbrochen. Seitdem wird die Gülen-Bewegung in der Türkei als »Fethullahistische Terrororganisation« (FETÖ) verfolgt.

Aus welchen Ländern die Gülen-Anhänger entführt wurden, sagte Bozdag nicht. Doch entsprechende Inhaftierungen oder Verschleppungen waren bereits aus Bulgarien, Malaysia und dem Kosovo bekanntgeworden. Zudem gab es in der türkischen Presse Meldungen über Inhaftierungen in Afghanistan, Pakistan und dem Sudan.

Der Leiter der als Sprachrohr der Gülen-Bewegung in den USA firmierenden »Allianz für gemeinsame Werte«, Alp Aslandogan, bezeichnete gegenüber der New York Times Bozdags Erklärung als »eklatantes Eingeständnis« des Bruchs internationalen Rechts und der Verachtung für die »nationale Souveränität«. Ein Sprecher des türkischen Präsidenten versicherte dagegen am Donnerstag, alles sei auf legale Weise in Kooperation mit den jeweiligen Staaten erfolgt.

Für Schlagzeilen in der Türkei, Verunsicherung unter im Exil lebenden Oppositionellen und eine Regierungskrise im Kosovo sorgt derzeit die Verschleppung von sechs mutmaßlichen Gülen-Anhängern aus dem Balkanstaat. Fünf Lehrer einer Schule des Gülen-Netzwerkes sowie ein in den Kosovo geflohener türkischer Arzt waren in der vergangenen Woche in einer gemeinsamen Operation des türkischen und kosovarischen Geheimdienstes gefangengenommen, in die türkische Botschaft gebracht und anschließend in die Türkei abgeschoben worden.

Da die Deportationen ohne Wissen des kosovarischen Premiers Ramush Haradinaj erfolgt waren, entließ dieser vergangenen Freitag seinen Innenminister und den Geheimdienstchef. Erdogan beschimpfte den als albanischen Nationalisten geltenden Haradinaj, der sich eine solche Einmischung aus Ankara verbat, daraufhin als »Marionette« und »Terrorunterstützer«, dessen Karriere nun zu Ende sei. Dagegen bedankte sich der türkische Präsident bei seinem kosovarischen Amtskollegen Hashim Thaci, der als ebenso mafia- wie türkeinah bekannt ist, für die Verhaftung der »wichtigsten Vertreter« von FETÖ auf dem Balkan.

Seit Verhängung des Ausnahmezustands im Sommer 2016 wurden in der Türkei rund 150.000 Staatsbedienstete wegen angeblicher FETÖ-Mitgliedschaft entlassen und Zehntausende inhaftiert. Tausende Vereine und Schulen des Gülen-Netzwerkes wurden geschlossen.

Ein Amoklauf im westtürkischen Eskisehir wirft indessen ein bezeichnendes Licht auf das Klima der Denunziation, dass mittlerweile in weiten Teilen der Türkei herrscht. Volkan Bayer, Wissenschaftler der pädagogischen Fakultät der Osmangazi-Universität, hatte am Donnerstag auf dem Campus vier Angestellte erschossen. Seine Opfer, darunter den Vizedekan, bezichtigte er, Gülenisten zu sein. In den vergangenen 18 Monaten hatte Bayer rund 80 Kollegen wegen angeblicher Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung bei den Behörden angeschwärzt, viele von ihnen verloren deswegen ihre Jobs und wurden monatelang inhaftiert. Die Professorin Ayse Aypay erklärte gegenüber dem Sender CNN Türk, es habe zahlreiche Klagen wegen Bayers »Lügen« gegeben. In Wahrheit sei dieser selbst Gülenist, behauptete die Dozentin.


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