Aus: Ausgabe vom 03.04.2018, Seite 6 / Ausland

Rebellion der Jugend

Bereits 18mal wurden in diesem Jahr in den USA Schulen zum Schauplatz von Schießereien. Nun begehrt eine neue Generation auf

Von Mumia Abu-Jamal
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Für strengere Waffengesetze: Überlebende des Amoklaufs an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland beim »March of Our Lives« am 24. März in Washington

Junge Leute strömten aus allen Regionen der Vereinigten Staaten zusammen und bildeten in rund 100 Städten des Landes mächtige Demonstrationszüge. Die meisten von ihnen waren Teenager, Schülerinnen und Schüler von High­schools. Unter ihnen Überlebende des jüngsten Massakers an der Marjory Stoneman Douglass High School in Parkland in Florida, wo ein verstörter junger Mann von 19 Jahren Krieg gegen seine ehemaligen Mitschüler führte und das Feuer auf sie eröffnete. In wenigen Minuten verwandelte er die Schule in einen Ort des Todes und stellte sie damit in eine Reihe mit der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut, der Columbine High School in Colorado und dem Virginia Polytech Institute in Blackburg in Virginia, wo ebenfalls Amokläufe viele Opfer forderten.

Aber diesmal entstand aus einer bedrückenden Atmosphäre von Tod und Zerstörung etwas Neues: Kinder und Jugendliche im ganzen Land gingen auf die Straße und rebellierten gegen die tödliche Gewalt, mit der sie seit Anfang des Jahres schon 18mal konfrontiert wurden. Sie schauten den sogenannten Erwachsenen, die sie eigentlich beschützen sollen, ins Gesicht und sahen in ihnen zum ersten Mal das, was sie wirklich sind. Diese Erwachsenen, Polizisten und Politiker, erwiderten ihre Blick zwar, aber sie verzogen keine Miene und reagierten nicht, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, sich schützend vor die Waffenlobby der National Rifle Association (NRA) zu stellen. Kein Wunder, denn die NRA zahlt Millionenbeträge an Polizeiorganisationen, Politiker und ihre Parteien, um genau diese Art von Dienstbeflissenheit ihrer Spendenempfänger sicherzustellen.

An diesem Verhalten begriffen die protestierenden Schülerinnen und Schüler, dass dann, wenn es zu einem Konflikt zwischen ihren warnenden Worten und den Interessen der Reichen und Mächtigen kommt, sie nur verlieren können. Deshalb schrien sie ihre Forderungen heraus gegen die Welt der Erwachsenen und ihre böswillige Verlogenheit. Und sie handelten, schlossen sich zusammen, rebellierten, protestierten und erschütterten die Nation. In diesem Prozess erwachten sie massenhaft aus den Traumwelten ihrer Kindheit und erkannten plötzlich die Politik der Herrschenden in all ihrer Verdorbenheit.

Die hunderttausendfach erhobenen Stimmen der aufbegehrenden Schülerinnen und Schüler hallten überall auf dem Globus wider, und diese versammeln sich nun zu einer neuen Jugendbewegung heran. Weil sie von den Erwachsenen nicht erhört werden, erkennen sie ihre wahre Lage und machen den entscheidenden Schritt heraus aus der Unwissenheit und Unbeschwertheit ihrer Kindheit: Auf diese Erwachsenen können sie sich nicht länger verlassen! Und sie begreifen, dass sie sich organisieren müssen, weil sich sonst niemals etwas ändern wird.

Übersetzung: Jürgen Heiser


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