Aus: Ausgabe vom 27.03.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Für den Anfang 6,50 Euro Stundenlohn

Insbesondere in der Gastronomie wird die gesetzliche Lohnuntergrenze häufig umgangen

Von Kristian Stemmler
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Teilnehmer des zweiten Kellner-Rennens in Mainz (22. Juni 2014). Die Gewinner bekamen jeweils 1.000 Euro Preisgeld – also mehr, als in einigen Betrieben der Branche gezahlt wird

Kerstin S. erinnert sich noch gut an das Bewerbungsgespräch in einem Hamburger Steakhouse. »Als ich sagte, dass ich bei meinem letzten Arbeitgeber, einem Fischbistro, als Servicekraft 9,50 Euro Stundenlohn bekomme habe, hat der Gastronom nur gelacht«, berichtete sie am Freitag jW. 6,50 Euro könne sie bei ihm für den Anfang bekommen, habe der erklärt. Kerstin S. verzichtete auf den Job.

Fälle wie dieser sind keine Seltenheit. Die Gastronomie gehört zu den Branchen, in denen der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro besonders oft und besonders deutlich unterschritten wird. Mitte Februar berichtete das Hamburger Abendblatt von einer Razzia des Zolls in der Hansestadt, bei der 33 Gaststätten und Imbisse überprüft worden waren. Dabei seien 14 Mitarbeiter registriert worden, denen der Mindestlohn vorenthalten wurde. Das Resultat dieser Razzia passt zu einer aktuellen Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, nach der 2017 landesweit 38 Prozent der Beschäftigten in Hotels und Gaststätten weniger als den Mindestlohn bekamen, noch erheblich mehr als im für Niedriglöhne bekannten Einzelhandel.

»Wer weniger als den Mindestlohn zahlt, verhält sich kriminell«, zitierte das Abendblatt den Chef des DGB Nord, Uwe Polkaehn. »Wir sehen, dass dies leider auch in Hamburg und Schleswig-Holstein massenhaft geschieht. Da geht es um mehr als um ein paar schwarze Schafe.« Besonders häufig müssten sich Kellner, Küchenhilfen, aber auch Köche mit einem illegalen Niedriglohn begnügen, heißt es weiter im Bericht, unter Berufung auf Angaben der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG).

Wie die Gewerkschaft ermittelt hat, wird dabei mit diversen Tricks gearbeitet. So müssten die Fahrer eines Pizzalieferdienstes 30 Cent des Trinkgelds von jeder Tour an die Firma abgeben, so dass sie unter die gesetzliche Lohngrenze rutschen. In Hotels werden Servicekräfte nicht selten zu unbezahlten Überstunden genötigt, so dass auch sie den Mindestlohn nicht erreichen. Von der Ausbeutung betroffen sind besonders auch Auszubildende. Die NGG berichtete von Fällen, in denen Auszubildende so viele Überstunden leisten mussten, dass sie mit einem Stundenlohn von weniger als vier Euro abgespeist wurden.

Dass in Hamburg nach Angaben des Branchenverbandes Dehoga rund 90 Prozent der Hotels Mitglied des Arbeitgeberverbandes und damit an die vereinbarten Tarife gebunden sind, sagt wenig aus über die tatsächlich gezahlten Entgelte. Eine zuverlässige elek­tronische Zeiterfassung leisteten sich in der Regel nur große Häuser, erklärte die NGG dem Abendblatt. Ansonsten würden Dienstpläne und Arbeitszeiten auf handgeschriebenen Zetteln festgehalten, die bei Zollkontrollen keine genaue Überprüfung zuließen, weil etwa Überstunden nicht erfasst würden.

Für den DGB Nord kann das Problem nur nachhaltig angegangen werden, indem die Kontrollen stark ausgebaut werden. Uwe Polkaehn forderte im Abendblatt »zügig die Zahl der Kontrolleure auf bundesweit 100.000 aufzustocken und die Prüfdichte zu erhöhen«. Zudem müssten die Dokumentationspflichten in den Betrieben verschärft werden.


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