Aus: Ausgabe vom 26.03.2018, Seite 1 / Titel

We Shall Overcome

USA: Mehr als eine Million Menschen bei Massenprotesten gegen Waffengewalt, beschwichtigende Politiker und die Lobbyisten der NRA

Von Michael Merz
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Überlebende des Massakers in Parkland, Florida, sind die Wegbereiter der aktuellen Anti-waffenproteste

Das Jahr 2018 ist erst zwölf Wochen alt und in den USA hat es bereits 50 Massenschießereien mit mindestens vier Toten oder vier Verletzten gegeben, meldet die Website »Gun Violence Archive«. 3.212 Menschen verloren in diesen zwölf Wochen zwischen Ost- und Westküste durch Schusswaffen ihr Leben, Suizide nicht mitgerechnet. Keine außergewöhnlichen Zahlen in einem Land, in dem es Sturmgewehre in Supermärkten zu kaufen gibt. Doch seit dem Massaker an der »Marjory Stoneman Douglas High School« in Parkland im Bundesstaat Florida, wo ein 19jähriger am 14. Februar 14 Jugendliche und drei Erwachsene erschossen hatte, wollen sich vor allem junge Leute mit beschwichtigenden Politikern und der allmächtigen Waffenlobby der National Rifle Association (NRA) nicht mehr abfinden. Im ganzen Land gingen am Sonnabend mehr als eine Million Menschen auf die Straße, allein in der Hauptstadt Washington 800.000. Insgesamt fanden in den USA und im Ausland mehr als 800 Demonstrationen statt. In New York – der Heimat von US-Präsident Donald Trump, der sich in sein Wochenendrefugium Mar-a-Lago unweit von Parkland zurückgezogen hatte – waren es laut Bürgermeister Bill de Blasio 175.000 Waffengegner. Weitere Großkundgebungen wurden aus Chicago, Boston, Philadelphia, Miami, Minneapolis, Houston und Los Angeles vermeldet. Weltweit gab es Solidaritätsaktionen, etwa in Sydney (Australien), Tel Aviv (Israel), London (Britannien) und vereinzelt in Deutschland.

Fernsehstationen übertrugen das Ereignis in der US-Hauptstadt unter dem Motto »Marsch für unser Leben« weltweit live. Dicht gedrängt warteten die Menschen auf der zentralen Pennsylvania Avenue auf den Beginn der Kundgebung um 12 Uhr mittags, Hunderttausende Demonstranten standen bereits kilometerweit vor der Bühne. Noch in Seitenstraßen weitab von den Zugängen wurden Transparente mit Losungen wie »Enough« (Genug) gezeigt und Sprechchöre wie »Vote Them Out« (Wählt sie raus) skandiert. »An die Machthaber, Skeptiker und Zyniker, die gesagt haben, wir sollen uns hinsetzen, ruhig sein und warten, bis wir an der Reihe sind: Willkommen zur Revolution«, rief Cameron Kasky, einer der überlebenden Schüler des Massakers in Parkland, in einer ersten Rede den Demonstranten zu. »Heute ist nicht der Höhepunkt dieser Bewegung. Es ist erst der Anfang.« Seine Mitschülerin Emma González bewegte die Zuhörer, als sie mehr als sechs Minuten stumm am Mikrofon stand und der Opfer an ihrer High School gedachte. Wenig später wurde der traditionelle Protestsong »The Times They Are a-Changin’« angestimmt.

Zu den Forderungen der Parkland-Aktivisten gehört das Verbot von Sturmgewehren für Zivilisten und eine Anhebung des Alters bei Waffenkäufen auf 21 Jahre. US-Präsident Donald Trump hatte zwar unter Druck ein Maßnahmenpaket zur Schulsicherheit angekündigt, aber praktisch nichts zur Verschärfung der Gesetze unternommen. Zu den Protesten äußerte sich der sonst sehr mitteilsame Trump nicht. Am vergangenen Freitag legte seine Regierung zwar einen Entwurf zur Abschaffung von sogenannten Bump Stocks (Aufsätze, mit denen halbautomatische Waffen im Dauerfeuer schießen können) vor. Doch sogar die NRA unterstützt dieses Verbot. Die Organisation, die für Trumps Präsidentschaftswahlkampagne mehr als 30 Millionen Dollar springen gelassen hatte, kommentierte die Großdemonstrationen am Wochenende auf Facebook mit dem Spruch »Kämpft für die Sicherheit unserer Kinder, indem ihr der NRA beitretet.«


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