Aus: Ausgabe vom 24.03.2018, Seite 2 / Inland

»Parlamentariern Dampf unterm Gesäß machen«

Bei den Ostermärschen gehen Friedensaktivisten auf die Straße, um die Abrüstung der BRD zu fordern. Ein Gespräch mit Willi Hoffmeister

Interview: Markus Bernhardt
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So sah es vergangenes Jahr auf dem Ostermarsch Rhein-Ruhr in Duisburg aus (15. April 2017)

Sie sind einer der Organisatoren des Ostermarsches Ruhr. Warum ist Ihnen das Thema Frieden so wichtig, dass Sie sich schon seit Beginn dieser traditionellen Friedensmärsche daran beteiligen?

Den Krieg hassen zu lernen war eine Erkenntnis aus meinen Kinderjahren. Als 1933 geborenes »Kriegskind« bastelte mir 1943 – ich war gerade ein 10jähriger Schüler – ein gefangener Rotarmist, ein Zwangsarbeiter, aus Weidenholz eine Flöte. Damit brach bei mir die ganze, uns Kindern in der Schule eingetrichterte Nazitheorie vom russischen Untermenschen zusammen. Die Wiederaufrüstung durch die Adenauer-Regierung machte mich als Jugendlichen zum Friedensaktivisten. Die Friedensmärsche 1958/59 in England gegen die Bombe begeisterten mich, und meine Teilnahme am ersten Ostermarsch Ruhr 1961 war die logische Konsequenz daraus.

Am Ostermarsch Ruhr nehmen im Vergleich zu anderen Städten die meisten Demonstranten teil. Was könnten die Gründe dafür sein?

Die Ostermärsche unterlagen immer, wie die Friedensbewegung insgesamt, Wellenbewegungen. Sie waren nie eine Ein-Punkt-Bewegung und wurden manchmal von regionalen Begebenheiten tangiert. Das heißt nicht, dass es nicht stets Schwerpunktthemen gab. Der Kampf gegen den Atomtod, der Vietnamkrieg, der NATO-Doppelbeschluss, kein Blut für Öl – das waren Themen, die oft mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße brachten. Ich habe den Ruhr-Marsch immer als einen der größeren bezeichnet. Die Beibehaltung des Drei-Tage-Marsches durch das Rhein- und Ruhrgebiet hat den Erfolg ausgemacht. Mit den 13 bis 15 Veranstaltungen und Kundgebungen an den drei Tagen erreichen wir stets viele Menschen.

Und was sind die diesjährigen politischen Schwerpunkte des Marsches?

»Abrüsten statt Aufrüsten – Atomwaffen abschaffen – Friedenspolitik statt Konfrontation« sind die Überschriften des diesjährigen Rhein-Ruhr-Marsches. Angesichts der Pläne der neuen Bundesregierung, zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes, also zusätzliche rund 30 Milliarden Euro, in den nächsten Jahren für die Rüstung zu verpulvern, wird die Forderung, endlich abzurüsten, unser Kernanliegen sein. Die Unterstützung der Kampagne »Abrüsten statt Aufrüsten« mit der Sammlung von Unterschriften ist jedoch sicherlich ein Schwerpunkt aller Ostermärsche.

Von Deutschland werden Kriege durch Rüstungsexporte angeheizt, was Fluchtbewegungen verursacht; Kampfdrohnen müssen geächtet statt beschafft werden; die Konfrontation der NATO gegen Russland und das Nein zur Werbung der Bundeswehr an Schulen – all das sind weitere Themen, die in diesem Jahr anstehen. Ein politisches Feld konnte in unseren Aufrufen noch nicht beackert werden: Der völkerrechtswidrige Krieg des türkischen Staatspräsidenten Erdogan gegen das kurdische Volk. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies bei allen Ostermärschen eine gebührende Rolle spielen wird.

Die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD will nicht nur die Militärausgaben erhöhen, sondern hat gleich zu Beginn ihrer Amtszeit diverse Auslandseinsätze der Bundeswehr beschlossen. Haben Sie Hoffnung, dass von der Koalition auch nur der kleinste Impuls ausgeht für Abrüstung, den Abzug der US-Atomwaffen von deutschem Boden oder für das Ende der Unterstützung des US-Drohnenkrieges?

Dafür müsste mir diese Regierung erst mal wenigstens ein kleines Zeichen geben. Ich erinnere nur an den Beschluss des deutschen Bundestages von 2010, die auf deutschem Boden lagernden Atombomben zu entfernen. Wenn die SPD-Fraktion diesen Beschluss in der »Groko« endlich in die Tat umsetzt, wäre das für mich ein Anfang ihrer immer wieder propagierten Erneuerung. Ich fürchte nur: Wenn nicht alle Friedensbewegten den für die weitere Atomteilhabe stimmenden Parlamentariern in Berlin Dampf unterm Gesäß machen, wird es nichts. Dann werden sie weiter ihre Diäten kassieren und auf ihren Sesseln verharren. Vielleicht müssen wir mal einen bundesweiten Ostermarsch in Berlin machen! Um nicht von der Tradition des Ostermarsches Rhein-Ruhr abzukommen, würde ich drei Tage vorschlagen.

Willi Hoffmeister ist ­Sprecher des Oster­marsches Rhein-Ruhr

Weitere Informationen: www.ostermarsch-ruhr.de


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Teufelszeug Für eine Welt ohne Atomwaffen

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