Aus: Ausgabe vom 23.03.2018, Seite 8 / Ansichten

Handlungsbereit

Neonazis und die höheren Stände

Von Arnold Schölzel
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AfD-Fraktionsvorsitzender Alexander Gauland (an die 40 Jahre CDU-Mitglied) am 1. Februar im Bundestag: Allein unter den Mitarbeitern der Fraktion sind 27 ausgewiesene Neonazis

Groß geworden sind die neuen deutschen Faschisten, geistigen Herrenreiter und Anstifter von Mord und Totschlag an Migranten und Linken nicht durchs Herumschmieren auf der virtuellen Klotür von Facebook und Co., sondern durch Druck und Papier. Da wäre z. B. die Wochenzeitung Junge Freiheit, 1986 in Freiburg gegründet, die eine Art Zentralorgan von allem, was rechts in der BRD ist, wurde. Drumherum entstanden zahlreiche völkische Publikationen. Die Szenerie war lange mit Selbstgesprächen befasst, bis zum Aufkommen der »sozialen Netzwerke«. Der Edelnazi, der Pöbel und Pöbeln verachtet, fördert beides gern. Auf die »Zerstörung der Vernunft« (Georg Lukács), also die Erklärung der Welt für unerklärbar, weil Universum und Gesellschaft irrational seien und die Unterscheidung von links und rechts keinen Sinn habe, folgen eine radikale AfD und das Abbrennen von Flüchtlingsheimen mit Zwangsläufigkeit.

Programmatisches für den Aufstieg vom Zirkelwesen zur Fraktion im Bundestag lieferte seinerzeit Franz Josef Strauß, als er 1987 behauptete, es sei »höchste Zeit, dass wir aus dem Schatten des Dritten Reiches und aus dem Dunstkreis Hitlers heraustreten und wieder eine normale Nation werden«. Strauß starb vor dem Anschluss der DDR, »Normalität«, also die Rückkehr zu »Platz an der Sonne«- und Herrenvolkpolitik, blieb eine Schlüsselvokabel für die Selbstdefinition der neuen deutschen Herrlichkeit. So proklamierte der damalige Außenminister Klaus Kinkel 1993: »Im Inneren müssen wir wieder zu einem Volk werden, nach außen gilt es, etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor gescheitert sind: im Einklang mit unseren Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potential entspricht. Die Rückkehr zur Normalität im Inneren wie nach außen entspricht einem tiefen Wunsch unserer Bevölkerung seit Kriegsende.«

Nicht mehr zu »scheitern«, aber die Kriegsziele zu erreichen, blieb der sehnlichste Wunsch der in Bonn und Berlin Regierenden und ihrer rechten Ableger. Die erklären seit längerem die Merkelsche Variante, Deutsch-Europa in den Griff zu nehmen, als Politik zur »Abschaffung« der Deutschen oder mindestens als eine, die »Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt«. Das steht in einer »Erklärung 2018«, zu deren 30 Erstunterzeichnern Henryk M. Broder, Uwe Tellkamp, Thilo Sarrazin und Vera Lengsfeld gehören. Am Donnerstag berichtete Die Zeit, das Papier gehe auf einen regelmäßig in Berlin tagenden Gesprächskreis zurück, der sich u. a. in der »Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus« treffe. Eine Art Urheber sei der an der Humboldt-Universität lehrende Historiker Jörg Baberowski.

So fügt sich, was zusammengehört. Das Unbehagen in den höheren Ständen ist bei den 27 ausgewiesenen Neonazis, die von der AfD-Bundestagsfraktion beschäftigt werden, in den besten Händen. Das neue Bündnis von Mob und Etablierten wurde lange vorbereitet, es zeigt sich nun öffentlich und will handeln.


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