Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 4 / Inland

Hungern gegen die Ignoranz

Hamburg: Türkisch-kurdische Politikerin berichtete von Protestaktion vor UN-Hauptquartier. Film zeigt ihre Arbeit in der geschundenen Stadt Cizre

Von Kristian Stemmler
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Während Leyla Imret in Genf mit einem Hungerstreik gegen die türkische Invasion in Afrin protestiert, zeigten am Mittwoch auch in Berlin Unterstützer ihre Solidarität mit den kurdischen Selbstverteidigungskräften

Der Kontrast hätte größer kaum sein können. Im prunkvollen Kaisersaal des Hamburger Rathauses ging es am Dienstag abend um Krieg, Tod und Elend, um die dramatische Lage in Afrin, der von türkischer Armee und islamistischen Banden besetzten nordsyrischen Stadt. »Über 500 Menschen sind bisher ermordet worden. Die Einwohner Afrins sind geflohen aus Angst vor einem Massaker«, sagte die aus Genf über Skype zugeschaltete türkisch-kurdische Politikerin Leyla Imret.

Eigentlich war es anders geplant. Imret wollte an diesem Abend nach Hamburg kommen und bei der Veranstaltung der Linksfraktion in der Bürgerschaft den Film »Dil Leyla« (Mein Herz Leyla) vorstellen. In der Dokumentation wird die Frau porträtiert, die 2014, damals erst 26 Jahre alt, zur Kobürgermeisterin der kurdischen Stadt Cizre im Südosten der Türkei gewählt wurde.

Doch die Entwicklung in Afrin änderte die Planung. Seit Montag hat Leyla Imret zusammen mit elf anderen kurdischen Politikern, Prominenten und Intellektuellen vor dem UN-Hauptquartier in Genf ihr Lager aufgeschlagen. Sie befinden sich seither im Hungerstreik.

»Tag für Tag« werde der Druck auf das kurdische Volk stärker, sagte Imret. Der Kampf gehe trotzdem weiter. Was in Afrin geschehe, habe Cizre um die Jahreswende 2015/16 erlebt: Wochenlange Belagerung mit Panzern und Hubschraubern. Bei Massakern der Armee verbrannten mehr als 140 Menschen bei lebendigem Leib. »Heute machen sie es in Afrin genauso.« Mit dem Hungerstreik wolle man Solidarität zeigen für die Zehntausenden, die aus Afrin geflohen sind und teilweise ohne Wasser und medizinische Versorgung seien, sagte Imret und fügte hinzu: »Wir haben mit zwölf Personen angefangen, am selben Tag haben sich 45 angeschlossen.« Wegen behördlicher Auflagen könne man nur tagsüber vor dem UN-Gebäude campieren, die Nacht verbringe man in Vereinsräumen.

Die kurdische Nachrichtenagentur Firat News hatte am Montag die Namen der zwölf genannt, die mit dem Hungerstreik begonnen haben. Unter ihnen sind Politiker der Demokratischen Partei der Völker (HDP) wie Faysal Sariyildiz, Kobürgermeister kurdischer Städte, und Deniz Naki, ehemaliger Fußballprofi beim FC St. Pauli. Die an der Aktion Beteiligten fordern u. a. die Schließung des Luftraums über Afrin, die Entsendung von UN-Beobachtern, medizinische Hilfe für die Flüchtlinge, die Schaffung der Voraussetzungen für ihre Rückkehr und die Rückgabe geplünderten Eigentums.

Vor der Übertragung aus Genf hatte der Linke-Bürgerschaftsabgeordnete Norbert Hackbusch scharfe Kritik an Türkei, Bundesregierung und NATO geäußert. Er sprach von »Greueltaten, die wir gegenwärtig noch gar nicht ermessen können«. Dass die Veranstaltung in einem Prunksaal des Rathauses stattfinde, sei gut, denn in Hamburg säßen Profiteure des Krieges in Nordsyrien. So seien viele der deutschen »Leo­pard II«-Panzer, die beim Einmarsch zum Einsatz kommen, über den Hamburger Hafen verschifft worden. Einen Tag vor dem kurdischen Neujahrsfest Newroz nannte Hackbusch es »perfide«, wie das türkische Regime in Afrin versuche, die kurdische Kultur »auszulöschen«.

Zu Beginn der Veranstaltung war der im Juni 2017 fertiggestellte Film gezeigt worden. Cansu Özdemir, eine der beiden Vorsitzenden der Linksfraktion, bezeichnete Leyla Imret als »starke junge Frau«, deren Leben beweise, dass es möglich sei, »sich zu wehren, gegen Menschenrechtsverletzungen die Stimme zu erheben«. Die Dokumentation zeigt Szenen aus dem Leben Imrets, die mit sieben Jahren mit Onkel und Tante aus Cizre nach Osterholz-Scharmbeck bei Bremen emigrierte. Ihr Vater, ein ranghoher PKK-Funktionär, war drei Jahre zuvor bei einem Gefecht getötet worden. 2013 ging sie zurück in ihre Geburtsstadt, wurde ein ein Jahr später für die Partei des Friedens und der Demokratie (BDP) zur Kobürgermeisterin gewählt. Sie war damit die jüngste Inhaberin eines solchen Amtes in der Türkei. Eineinhalb Jahre später setzte das Erdogan-Regime sie ab. Bedrückend aktuell eine Szene, in der ein Junge zu Imret sagt: »Die Panzer sollen nicht mehr kommen.«


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