Aus: Ausgabe vom 21.03.2018, Seite 2 / Ausland

Mord und Millionen

Frankreichs Expräsident Sarkozy in Polizeigewahrsam genommen

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Früher auf dem Flugzeugträger »Charles de Gaulle«, jetzt in Polizeigewahrsam: Nicolas Sarkozy

Die enorme Ermittlungsakte der französischen Justiz gegen Nicolas Sarkozy ist noch einmal deutlich dicker geworden. Pariser Untersuchungsrichter ließen den ehemaligen französischen Präsidenten am Dienstag morgen in Polizeigewahrsam nehmen und verhören. Er wird seit Jahren verdächtigt, einen Großteil seiner erfolgreichen Kampagne zur Präsidentschaftswahl im Mai 2007 mit einer illegalen »Spende« des früheren libyschen Staatschefs Muammar Al-Ghaddafi in Höhe von rund 50 Millionen Euro finanziert zu haben.

Wie die Pariser Tageszeitung Le Monde am Dienstag meldete, hatte Sarkozy ursprünglich den Einladungen zu einer Konferenz in Dubai und einem Vortrag in London folgen wollen. Termine, die sich der rechtskonservative Politiker in der Regel mit hohen Honoraren vergelten lässt.

Ghaddafi war am 20. Oktober 2011 während des libyschen Bürgerkriegs in der Nähe seiner Heimatstadt Sirte von Rebellen gefangengenommen und unter bisher ungeklärten Umständen ermordet worden. Die USA, Großbritannien und vor allem Frankreich unter dem Oberbefehl Sarkozys hatten Ghaddafis Gegner mit schweren, von der damaligen UNO-Resolution nicht gedeckten Luftangriffen unterstützt. Saif Al-Islam Al-Ghaddafi, der älteste Sohn Ghaddafis, hatte noch während des Krieges erklärt, sein Vater habe Sarkozys Wahlkampf mit Geld aus der Familienkasse des Clans finanziert.

Die französische Justiz ermittelt seit April 2013 in dem Fall. Zuvor hatte das Pariser Internetportal Mediapart Zeugenaussagen und Dokumente ehemaliger Ghaddafi-Vertrauter veröffentlicht, die Saif Al-Islams Anschuldigung zu bestätigen scheinen. Der von »Sarko« und seinen Leuten mehrfach als Vermittler von Rüstungsgeschäften und für geheime Treffen mit libyschen Regierungsmitgliedern eingesetzte Libanese Ziad Takieddine hatte 2016 öffentlich bestätigt, im Winter 2006 mindestens fünf Millionen Euro Bargeld von Tripolis nach Paris »überführt« zu haben. Im Frühjahr 2012 wurde der ehemalige libysche Erdölminister Schukri Ghanem in Wien tot aus der Donau gezogen – unmittelbar vor der Stichwahl zwischen den damaligen Präsidentschaftskandidaten Sarkozy und François Hollande. Ghanem hatte Sarkozy direkt beschuldigt, Millionen aus Tripolis eingesteckt zu haben.


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  • Thomas Pelte: Bankrott des Wertewestens Die Hintergrundinformationen in diesem Artikel sind fehlerhaft und unvollständig. Ja, sie entlasten z. T. die imperiale US-, EU-, NATO-Intervention: (1) Es gab keinen libyschen Bürgerkrieg. Ausgangsp...

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