Aus: Ausgabe vom 19.03.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Sprachliche Verwahrlosung

Zu jW vom 8. März: »Ab heute kriegen sie in die Fresse«

Auch wenn Frauenkampftag war (mit Betonung auf Kampf), das Wort »Fresse« finde ich alles andere als gut und fällt für mich unter die Rubrik sprachliche Verwahrlosung. Wenn ich mir Kommentare zu einschlägigen Themen (Frauen, Migranten etc.) im Internet anschaue, entsetzt mich die Verachtung von Freundlichkeit, Anstand und ethischer Sensibilität. Bitte nicht auch noch in der jW!

Janne Rubach, Plau am See

Geschäft der Multis

Zu jW vom 14. März: »Rotlicht: Heimat«

Der Autor weist also die »Heimat« für die heute Lebenden einer weit entfernten Zeit oder dem Himmel zu. Sie leben aber heute, und zwar wie einstmals die Dorfeliten sehr oft auch auf eigenem Grund und Boden in ihren Dörfern und Stadtteilen. Die Verbundenheit vieler Mieter mit ihrem Dorf oder ihrem Kiez ist auch in der jW Thema, besonders in sozialen Kämpfen. Viele Kleineigentümer und Mieter setzen sich dafür ein, schon jetzt ein lebenswertes Leben für sich und ihre Mitmenschen zu organisieren. Das bedeutet eben auch die Entwicklung von Verbundenheit mit diesem Fleck und diesen Menschen – Heimatgefühl. Selbstverständlich und zu Recht betrachten sie diese Heimat als ihren Schutzraum in einer ansonsten schwierigen bis feindlichen Welt, der er tatsächlich auch ist. Glaubt irgendein Mensch, der sich »links« nennt, dass diese Menschen ihn verstehen, wenn er das als »irrationalen ideologischen Klimbim« bezeichnet und ihnen per se Fremdenfeindlichkeit unterstellt? Glauben »Linke« wirklich, dass eine Welt ohne Traditionen, Bodenständigkeit und Versöhnung mit der Natur funktionieren kann? Erledigen hier nicht so manche »Linke« das Geschäft der Multis und der Politik, die stets Menschen ohne Bindungen (…) als billige und zu jeder Schandtat bereite Arbeitskräfte und Fremdenlegionäre benötigen? Wieso überlassen »Linke« so gern Begriffe wie Heimat, Volk, (deutsche) Nation, Patriotismus den anderen (…)? Könnte es sein, dass sie gerade keine Heimat haben, sich nicht zum Volk gehörig betrachten, sondern als etwas Besseres? Komisch, dass diese »Besseren« so weit weg von den Menschen zu sein scheinen, dass diese solche Leute wählen, die eben nicht »links« sind.

Michael Wallaschek, per E-Mail

Unverbesserlicher Lobbyist

Zu jW vom 14. März: »Zum Leben zuwenig«

Dass mit »Hartz IV« die bittere Armut Einzug hält, ist jedem nicht völlig intelligenzbefreiten Menschen klar. Nur ein unverbesserlicher alter Firmenlobbyist kriegt da den Satz fertig, mit »Hartz IV« »habe jeder das, was er zum Leben braucht«. Wie man mit 2,70 Euro am Tage ein Kind satt bekommt, soll man mir mal erklären. Wenn man nun noch bedenkt, dass dann sogar noch – aus welchem Grund auch immer – finanzielle Restriktionen ausgesprochen werden können, hält spätestens jetzt der Hunger Einzug. Restriktionen gegen Hartz-IV-Bezieher sind nichts anderes als die mittelalterliche Verurteilung zum Hungerturm, nur dass dieses Urteil damals von Richtern gefällt wurde und heute von kleinen, wichtigtuerischen Beamten und Angestellten ausgesprochen wird, die ja »nur ihre Pflicht tun«. Das erinnert an eine alte Geschichte: Sprach der Henker zum Delinquenten: »Nimm’s nicht persönlich. Ich tu’ nur meine Pflicht. Wenn ich dir nicht den Kopf abhacke, tut’s jemand anderes.« (…)

Peter Andreas Schöbel, per E-Mail

Dummer Putin

Zu jW vom 15. März: »London provoziert weiter«

(…) All das hat seine Vorläufer: (1) 1999 den serbischen »Hufeisenplan« zum Völkermord an den unterdrückten »Kosovaren«. Danach musste BRD-Außenminister Klaus Kinkel klein beigeben: Es gab keinen Hufeisenplan. Aber immerhin war Serbien danach besiegt, und nicht Kinkel, sondern Milosevic ist im Gefängnis in Den Haag krepiert. (2) 2003 Saddams biologische Massenvernichtungswaffen. Nach dem Sieg über den Irak endete Saddam und nicht Bush am Galgen. Letzterer formulierte, dass es zwar keine Biowaffen gegeben habe, aber es sei doch besser, dass Saddam weg sei. (3) 2011 Ghaddafis Völkermord an seinem Volk. Durch den Sicherheitsrat erhielt der Westen die Erlaubnis, eine »Flugverbotszone« einzurichten. Die entsprechende Resolution wurde aber genutzt, um die libysche Armee plattzumachen und Ghaddafi von Kollaborateuren erschlagen zu lassen. Dem Hype um die Lichtgestalt Obama hat das keinen Abbruch getan. Und nun Theresa May. Oh, Entsetzen und Panik: Ein Attentat mit Gift oder Giftgas hat stattgefunden. Nichts Genaues weiß man nicht, aber man ist der festen Überzeugung, dass es die Russen waren. Und die ganze NATO stellt sich hinter Frau May. Auf die russische Forderung, Beweise vorzulegen, geht keiner der NATO-Staaten ein. Statt dessen schieben sie die Forderung nach, nun mal eben die Ukraine mit ihrer profaschistischen Regierung in die NATO aufzunehmen. Noch ein Einwand gegen Frau Mays Szenario: Als dumm wurde Putin bisher nicht eingeschätzt. Dann hätte er ja wohl den Anschlag erst nach der Präsidentenwahl durchführen lassen.

Fritz Dittmar, Hamburg

Bündnispolitik

Zu jW vom 16. März: »Humanistin des Tages: Handan Özgüven«

Handan Özgüven geht nicht über Leichen. (…) Wenn es um die Verhinderung von Abschiebungen, Bleiberecht und die Herstellung von Lebenschancen für geflüchtete Menschen ging, hat sie sich im Hessischen Landtag als verlässliche Partnerin Geflüchteter (…) erwiesen, völlig unabhängig von Herkunftsland und Nationalität. Einen Kotau gegenüber Erdogan hat sie sich dabei an keiner Stelle geleistet. Das kann man weiß Gott nicht von allen Mandatsträgern ihrer Partei (SPD) sagen. Ich weiß nicht, ob der Verfasser und andere jemals versucht haben, sie auf die Solidaritätsbewegung für die Verteidigung Afrins und die Verhinderung von Waffenlieferungen an die Türkei anzusprechen. Den Versuch wäre es wert. Man nennt so etwas Bündnispolitik.

Dr. Kurt Bunke, Cölbe

Restriktionen gegen Hartz-IV-Bezieher sind nichts anderes als die mittelalterliche Verurteilung zum Hungerturm, nur dass diese heute von Beamten ausgesprochen wird, die »nur ihre Pflicht tun«.