Aus: Ausgabe vom 19.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

Kulturkampf. Impressionen von der Leipziger Buchmesse

Von Peter Merg
200 Demonstranten protestierten am 14. März in Leipzigs Innenstadt gegen die Präsenz rechter Verlage auf der Buchmesse.
Gegenkultur und Aufklärung: Am jW-Stand war stets Betrieb
Dem rechten Auftrieb mit eigenen Inhalten entgegentreten
René Arnsburg vom Manifest Verlag konfrontiert den saarländischen Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) mit der Repression gegen den Mesopotamien Verlag

Natürlich gab es wieder etwas Krawall und Verzögerungen. Zunächst vor den Hallen. Heftiges Schneetreiben sorgte für ausgefallene Bahnen, überfüllte Busse, Stalingrad-Witze und gereizte Nerven. Die zeigten einige auch auf der Messe. Das Vorhaben, am Samstag der Vorstellung der neurechten Zeitschrift Sezession ein angemessenes, antifaschistisches Intro zu verpassen, wurde von einem enormen Securityaufgebot vereitelt. Dabei ging es wohlgemerkt nicht um eine Blockade, sondern darum, sich kurz die Freiheit zu nehmen, denen, die zur Zeit am lautesten ihre nie verwehrte Meinungsfreiheit einfordern, die Meinung ins Gesicht zu sagen, dass sie die eigentlichen Feinde der Meinungsfreiheit sind. Was folgte, war das Übliche: Zwei Träger eines antifaschistischen Banners wollten auf die Bühne stürmen und wurden von Glatzköpfen mit unnatürlicher Vorliebe für Fitnessstudiobesuche und hartes Durchgreifen davon abgehalten. Also Gerangel, dann das bekannte Parolenpingpong zwischen Protestierenden und Identitären, schließlich Ruhe. Was Medien schon eine Eskalation nennen und Bereitschaftshunderschaften der sächsischen Polizei eine Runde Aufwärmen. Im Hintergrund warnte ein Transparent mit den Köpfen von Lukács, Adorno und Gramsci vor den Gefahren des Kulturmarxismus.

Zuvor hatte Antaios-Verleger Kubitschek Veranstaltungen der Initiative »Verlage gegen Rechts« besucht und geklagt, niemand wolle mit ihm diskutieren. Da fiel selbst Springers Welt auf, dass er sich bei so viel Dialogbedürfnis selbst ein paar Linke hätte einladen können. Darum geht es dem eloquenten Ideologen jedoch gar nicht, sondern darum, die Gelegenheit zu nutzen, gerade mit betont nüchternem, gelassenen Auftreten dafür zu sorgen, dass Liberale und Linke durchdrehen. So fein Kubitschek und die sogenannte Identitäre Bewegung, deren deutscher Spiritus Rector er ist, von den 68ern gelernt haben, ordentlich auf den Putz zu hauen – im Wohnzimmer des Gegners ist ihre bloße Anwesenheit Skandal genug. Jeder noch so harmlose Protest spielt ihnen erst einmal in die Karten, verschafft ihnen Aufmerksamkeit und die willkommene Gelegenheit, sich als Opfer zu inszenieren.

Dass man dem rechten Auftrieb noch immer am besten mit eigenen Inhalten begegnet, verdeutlichte am Samstag abend eine Diskussion in den Cammerspielen in Connewitz. Dort sprachen die Schriftstellerinnen Sophie Sumburane und Manja Präkels sowie der antirassistische Aktivist Steve Hollasky und Moderator René Arnsburg vom Manifest-Verlag über die spezifischen Bedingungen, die den Rechten in Ostdeutschland Zulauf verschaffen. Einig war sich das Podium bei der Feststellung, dass nur eine politische Linke, welche glaubwürdig gegen die Politik der weiteren Verelendung der Menschen in der ehemaligen DDR einsteht, den rechten Kulturkämpfern etwas entgegenzusetzen hat. Langsam aber sicher scheint sich unter Linken die Einsicht wieder durchzusetzen, dass das alte Anliegen, den Entrechteten eine Stimme zu geben und ihre Kämpfe zu einen, nicht die dümmste Idee war.

Die klügeren Köpfe finden sich auch heute bei den Linken, das riefen die besten Veranstaltungen des Messewochenendes in Erinnerung. Am Freitag abend erinnerte der Ventil-Verlag im Institut für Zukunft an den vor acht Jahren verstorbenen Kulturmarxisten Martin Büsser, der dieses Jahr 50 geworden wäre, und dem wir einige der besten Schriften zur Dialektik von Ohnmacht und Widerstand, Reaktion und Fortschritt in Subkultur und Kulturindustrie verdanken, die sich lesen lassen. Gerade ist eine Auswahl seiner ausgezeichneten Artikel in dem Band »Für immer in Pop« erschienen. Zeitgleich lasen in Leipzigs wahrscheinlich schönster, sicher aber sympathischster Galerie Artae jW-Alleskönner Jürgen Roth und Drecksack-Poet Florian Günther beim Spätschoppen zärtliche Texte wider die Diktatur des Stumpfsinns und die fortwährende Verheerung des Schönsten. Einer der besten war Günthers Gedicht »Plausch«:

Müde siehste aus.

Wo kommstn

her?

Von Arbeit.

Was machstn?

Immer dasselbe.

Verstehe.

Wer solche Verse hat, braucht den Kulturkampf nicht zu fürchten.


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