Aus: Ausgabe vom 19.03.2018, Seite 8 / Ansichten

Verfolgende Unschuld

Die NATO und Russland

Von Jörg Kronauer
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Das hat gedauert: Zwei Wochen nach dem Doppelmordversuch in Salisbury hat die britische Regierung es der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) endlich gestattet, eine Probe der Chemikalie zu analysieren, mit der Sergej und Julia Skripal am 4. März vergiftet wurden. Hätte ein nicht der NATO angehörender Staat – sagen wir etwa: Russland oder China – sich soviel Zeit gelassen, um internationale Stellen einzuschalten, so würden Medien wie Springers Welt mindestens von einem Verschleierungsversuch, ach was: von einer Fälschung des Beweismaterials schreiben. Aber sei’s drum: Die OPCW wird sich nun mit der Frage befassen, ob das Gift, das die beiden Skripals an den Rand des Todes gebracht hat, wirklich Nowi­tschok war oder ob die Zweifel, die einige Fachleute geäußert haben, berechtigt waren. Den Attentäter freilich kennt man dann immer noch nicht.

Apropos Springers Welt: Das Freestyle-Kampfblatt hat am Wochenende NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg interviewt. Der hat bestätigt, dass die NATO Beweise für eine russische Täterschaft ohnehin für überflüssig hält und neue Schritte gegen Russland folgen lassen will. Der Mordversuch passe in ein »Muster«, »das wir seit einigen Jahren beobachten: Russland wird immer unberechenbarer und immer aggressiver«, behauptete Stoltenberg, um dann aufzulisten: »die illegale Annexion der Krim, die Destabilisierung der Ostukraine und die Stationierung von Truppen in Georgien und Moldawien«. Natürlich durften nicht fehlen: »Cyberattacken und Desinformationskampagnen, mit denen versucht wird, demokratische Prozesse zu unterminieren«.

Unberechenbar und aggressiv? Nun denn: völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen Jugoslawien, völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Iran, Krieg gegen Libyen mit dem illegalen Ziel, die Regierung zu stürzen, Stationierung von Truppen in diversen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, Stationierung von Truppen in Nordosteuropa unweit der russischen Grenze, massive Unterstützung von Umsturzbewegungen in Georgien, in der Ukraine (mehrmals), in Belarus und Kirgistan, Förderung, Bewaffnung und Training aufständischer Milizen in Syrien, darunter erklärte Dschihadisten, Ankündigung, die Militäretats der NATO-Staaten auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts massiv anzuheben: Die – unvollständige – Liste dessen, was die NATO und ihre Mitgliedstaaten in den letzten Jahren so alles verbrochen haben, spricht für sich, ganz unabhängig von der Frage, wie etwa die russische Militärpräsenz in Transnistrien und Abchasien oder die Sezession der Krim zu beurteilen sind. Russland agiert nicht, es reagiert, ganz so, wie es auf den Umsturz in Kiew und die damit eröffnete Option, die Ukraine in die NATO zu führen, mit der Übernahme der Halbinsel im Schwarzen Meer antwortete.

Glaubte man an die Kraft der Argumente und nicht an die Macht der Gewalt, dann wäre man versucht zu sagen: Die NATO braucht nicht noch mehr Waffen, sondern einen Spiegel.


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