Aus: Ausgabe vom 19.03.2018, Seite 6 / Ausland

Lehrer sind kein Sondereinsatzkommando

US-Präsident Trump will Pädagogen bewaffnen. Von angemessener Bezahlung ist nicht die Rede

Von Mumia Abu-Jamal
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Schülerinnen demonstrieren am 14. März in Washington für strengere Waffengesetze

An öffentlichen Schulen zu unterrichten ist einer der härtesten Jobs in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn Lehrerinnen und Lehrer unseren Kindern und Jugendlichen etwas beibringen, erfüllen sie eine sehr schwierige Aufgabe. Und sie tun dies für einen jämmerlich geringen Lohn. Das belegen Analysen des Bureau of Labor Statistics (BLS) in Washington D. C., eine dem US-Arbeitsministerium zugeordnete Institution mit unabhängigem Mandat, die nationale Arbeitsmarktstatistiken auswertet und mit internationalen Statistiken vergleicht.

Nach jüngsten Erhebungen des BLS liegt der jährliche Durchschnittslohn für Lehrkräfte bei 53.000 US-Dollar. Frauen stellen die Mehrzahl von ihnen, ihre männlichen Kollegen in gleicher Position verdienen jedoch im Schnitt zwischen 10.000 und 20.000 US-Dollar mehr. Beobachter der US-Gesellschaft wird es kaum überraschen, dass die Bezahlung dieser männlichen Minderheit von der jener übertroffen wird, deren Job offensichtlich höher eingeschätzt wird: Der durchschnittliche Polizist geht mit einem Jahresgehalt von etwa 70.000 US-Dollar nach Hause.

Die jüngste Cartoonsprechblase von US-Präsident Donald Trump, der angesichts massiver Massaker in US-amerikanischen Bildungseinrichtungen erstaunlicherweise die Bewaffnung von Schullehrern forderte, verriet seine tiefe Ignoranz gegenüber der Frage, was der Lehrerberuf konkret ist und wer die Menschen sind, die ihn ausüben. Gute Lehrerinnen und Lehrer sind Menschen, die für ihre Ausbildung beträchtliche Mengen an Geld geopfert haben, um das tun zu können, wozu sie sich berufen fühlen – unseren Nachwuchs zu unterrichten, dem sie ihre ganze Liebe entgegenbringen.

Kann sich wirklich jemand vorstellen, dass sich diese Pädagoginnen und Pädagogen künftig mit Schusswaffen ausrüsten lassen, um sich jungen Männern entgegenzustellen, die ihre Schule mit halbautomatischen Waffen angreifen? Wohl kaum.

Aber diese Vorstellung allein gibt uns Einblick in die paranoiden Phantasien von Trumpisten, die meinen, die Lehrkräfte in einer dystopischen Festung Amerika militärisch aufrüsten zu können. Wenn dieselben pädagogischen Kräfte nach mehr Ressourcen verlangen, also bessere Schulbücher, digitale Lehrmittel wie Computer oder – der Himmel möge verzeihen, dass ich es noch einmal erwähne! – bessere Bezahlung, werden sie von denselben Politikern ignoriert und für ihre »unverschämten Forderungen« geohrfeigt, die sie jetzt mit Glock-Pistolen und AR-15-Automatikgewehren ausstatten wollen. Das ist absolut verrückt!

Lehrerkollegien sind keine Sondereinsatzkommandos. Von ihnen sollte auch nicht erwartet werden, sich an ihren Schulen dafür aufstellen zu lassen. Kann sich jemand vorstellen, welche Gefahren lauern, wenn Schulkinder von bewaffneten Lehrerinnen oder Lehrern beschützt werden sollen, die sowieso schon gestresst sind, weil sie täglich mit Überarbeitung, Unterbezahlung und mangelndem Respekt von Politikern zu kämpfen haben?

Es ist heute gewiss nicht einfach, an den öffentlichen Schulen des US-Bildungssystems zu unterrichten, aber es ist unendlich lohnend, wenn eine Lehrerin spürt, dass ihre Klasse durch ihren Unterricht die Freude am Lernen entdeckt. Deshalb brauchen alle Lehrkräfte die Unterstützung der Gesellschaft bei ihrem täglichen Tun, aber sie brauchen ganz bestimmt keine Kriegswaffen. Doch bessere Schulbücher, mehr Raum für die pädagogische Arbeit, mehr Respekt und bessere Bezahlung gehören nicht zur Agenda des Trump-Regimes.

Übersetzung: Jürgen Heiser


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