Aus: Ausgabe vom 19.03.2018, Seite 1 / Titel

Widerstand geht weiter

Türkische Armee und Dschihadisten marschieren in syrischer Stadt Afrin ein. YPG kündigen Übergang zum Guerillakampf an

Von Nick Brauns
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Dschihadisten mit Fahnen der Türkei und der »Freien Syrischen Armee« am Sonntag im Stadtzentrum von Afrin

Die türkische Armee und dschihadistische Söldner der »Freien Syrischen Armee« (FSA) sind am Sonntag, 58 Tage nach Beginn ihres völkerrechtswidrigen Angriffskrieges auf Afrin in Nordsyrien, in das Zentrum der Stadt eingerückt. Der Vormarsch stieß auf keinen größeren Widerstand. Die kurdischen Volks- und Frauenverteidigungskräfte YPG und YPJ hatten ihre Kampfstellungen verlassen, um weitere Opfer unter der Zivilbevölkerung und die Zerstörung der Stadt zu vermeiden. In den letzten Tagen hatte die türkische Armee ihre Luft- und Artillerieangriffe auf die belagerte Stadt massiv verstärkt. So wurde in der Nacht zum Samstag das Krankenhaus von Afrin von Bomben getroffen. Dabei starben mindestens 16 Menschen. Bei einem Luftangriff auf einen Autokonvoi mit Flüchtlingen wurden am Samstag nach Informationen der Nachrichtenagentur ANF Hunderte Menschen getötet. Um nicht »Opfer eines Völkermordes« zu werden, sei ein Großteil der Bevölkerung in die benachbarte Scheba-Region evakuiert worden, erklärte der Kovorsitzende des Kantonalrates von Afrin, Asman Scheik Isa, am Sonntag auf einer Pressekonferenz. Die stellvertretende Vorsitzende der Hilfsorganisation Kurdischer Roter Halbmond, Cemile Heme, berichtete gegenüber dem ZDF von einem Massenexodus, dem sich fast alle rund 900.000 Einwohner des Kantons angeschlossen hätten.

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Deutsche Hilfe für islamistische Söldner: Leopard-II-Panzer am Sonntag im Stadtzentrum von Afrin

Am Rathaus von Afrin, vor dem ein Leopard-II-Panzer aus deutscher Produktion Stellung bezog, hissten die Besatzer Fahnen der Türkei und der Dschihadisten. FSA-Kämpfer zogen plündernd durch die menschenleeren Straßen. Die Islamisten feierten ihren Erfolg mit gezückten Messern und dem auch vom »Islamischen Staat« (IS) verwendeten Handzeichen mit dem erhobenen Zeigefinger. Zwei gefangene YPG/YPJ-Kämpfer wurden nach ANF-Angaben von den Dschihadisten enthauptet. Unter dem Ruf »Allah ist groß« stürzten FSA-Kämpfer zudem wenige Tage vor dem am 21. März gefeierten Newrozfest symbolträchtig die Statue des kurdischen Nationalhelden Kawa. In der 4.000 Jahre alten Newroz-Mythologie gilt der Schmied als Befreier von der Tyrannei.

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Dschihadisten feiern im Stadtzentrum von Afrin ihren Erfolg

»Der Widerstand in Afrin wird weitergehen«, versicherten die Kantonalverwaltung und die YPG/YPJ in einer gemeinsamen Erklärung. »Die Besatzer können heute ihre Fahnen schwenken, doch sie werden unser Volk niemals zur Kapitulation zwingen.« Die YPG seien weiterhin in allen Bezirken von Afrin präsent, dementierte deren Sprecher Brusk Hasake Gerüchte über einen Abzug der Verteidigungseinheiten. Bei einem Bombenanschlag in der Innenstadt von Afrin wurden am Sonntag laut ANF Dutzende türkische Soldaten und Söldner getötet. Dies könnte der Beginn des von den YPG angekündigten Übergangs vom Stellungskrieg zum Guerillakampf im Rücken der Besatzer sein.

In Hannover beteiligten sich am Samstag rund 20.000 Kurden sowie deutsche und türkische Linke an einer bundesweiten Newroz-Kundgebung. Auf dem Opernplatz wurden Hunderte Fahnen mit den Zeichen der YPG und YPJ sowie – trotz Verbots durch die Polizei – dem Bild des Vordenkers der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, geschwenkt. Redner wie Linksparteichef Bernd Riexinger und der frühere Oberbürgermeister von Hannover Herbert Schmalstieg kritisierten Waffenlieferungen an die Türkei und das Schweigen der Bundesregierung zum Krieg gegen Afrin. Der Schauspieler Dieter Hallervorden erklärte in einem Grußwort: »Es lebe die PKK!«.


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