Aus: Ausgabe vom 17.03.2018, Seite 8 / Ansichten

False Flag

»Der Westen« gegen Russland

Von Reinhard Lauterbach
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Gemeinsam gegen Russland: Theresa May (vorne) mit ihrem Außenminister Boris Johnson und US-Präsident Donald Trump am 25. Mai 2017 in Brüssel

Ein Verdacht gegen den Westen erledigt sich in diesen Tagen: Die antirussische Kampagne in den wichtigsten Hauptstädten der kapitalistischen Welt ist höchstwahrscheinlich kein Versuch, die russische Präsidentenwahl an diesem Sonntag zu »hacken«. Das einzige, was die Ausweisung russischer Diplomaten aus Großbritannien und die hysterischen Töne aus London, Paris und Berlin bei der Wahl bewirken dürfte, ist eine noch höhere Zustimmung zu Wladimir Putin. Nach dem Muster des Stimmungswandels im Frühjahr 2014, als Putins Entscheidung zur Übernahme der Krim seine Beliebtheitswerte von knapp 60 auf über 80 Prozent hebelte und lange dort hielt. Bis vor kurzem schien es, als schleppe sich der Wahlkampf in Russland deshalb so müde dahin, weil ein ähnliches Großthema fehle. Jetzt hat es Putin vom Westen pünktlich serviert bekommen.

Wer ganz verschwörungstheoretisch denkt, mag genau hierin ein Indiz dafür sehen, dass hinter dem Anschlag von Salisbury doch »die Russen« stünden. Doch dagegen sprechen immer neue Umstände der Tat, die bekannt werden. So der Vorwurf von Theresa May, die Urheber des Attentats hätten nicht nur Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet, sondern gleich noch einige hundert Leute, die sich zufällig am Ort des Geschehens befunden hätten. Welches Interesse Russland haben sollte, britische Kneipengänger und Einkaufsbummler zu vergiften, soll sich dabei niemand fragen. Geheimdienstexperten zweifeln ohnehin an, dass Russland Skripal liquidieren wollte, denn es gebe zwischen den Diensten eine ungeschriebene Regel: Ausgetauschte werden in Ruhe gelassen. Und zwar deshalb, weil sich immer wieder die Notwendigkeit eines weiteren Austausches ergeben kann. Warum sollte Russland diese Regel verletzen? Weil es gegen alle Regeln verstoße, sagt der britische Außenminister Boris Johnson, also auch gegen diese. Ein Beweis für Leute, die keine Beweise mehr brauchen.

Betrachtet man die Sache einmal hypothetisch von der anderen Seite, fügt sich freilich einiges zu dem, was eine False-Flag-Operation kennzeichnet. Gerade was aus der Logik russischer Interessen widersinnig erscheint – die Schädigung unbeteiligter Zivilisten in Salisbury –, könnte der perfide Zweck der Veranstaltung gewesen sein. So lassen sich Emotionen schüren und instrumentalisieren. Eine Öffentlichkeit aber, die das Denken und Nachfragen ausschaltet, lässt sich in Dinge hineintreiben, gegen die es anderenfalls doch noch den einen oder anderen Einwand gäbe. »Es war notwendig, (…) bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, dass die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach der Gewalt zu schreien begann.« Das war nicht Theresa May im März 2018, das war Adolf Hitler am 10. November 1938. Die Original-Schallplatte dieser Rede liegt übrigens in London.


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