Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 11 / Feuilleton

Erhöhte Pulsfrequenz

Rückblicke auf den Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie in Berlin

Von Christa Schaffmann
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»Wie Wut entstehen und zu Gewalt führen kann«: Generalstreik in Peru, Juli 2008 (»Insurgency« heißt Aufstand)

Aufklärend und voll kontroverser Debatten – so wird der Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) in Erinnerung bleiben, der am Wochenende in Berlin stattfand. Hinter dem Titel »Paralyse der Kritik: Eine Gesellschaft ohne Opposition« verbarg sich auch die Frage, ob der Kapitalismus nicht doch alternativlos ist. Die Diagnose der paralysierten Gesellschaft hatten die Veranstalter von Herbert Marcuse für die heutige Zeit übernommen. Nicht alle Referenten und Teilnehmer akzeptierten das. Eine Vielzahl ermutigender Beispiele für Bewegungen und widerständiges Denken wurden dem Befund entgegengestellt. Im folgenden einige subjektive Eindrücke.

Richard, Mitte 40, Psychotherapeut, hatte nicht erwartet, dass so kontrovers diskutiert werden würde, jedenfalls in Panels wie dem mit Stefan Brunnhuber und Friedrich Voßkühler. »Da traf der coole Thinktank-Vertreter, der für einige Teilnehmer schon wegen seines Managementjargons kaum verständlich war, für andere als Mitglied im Club of Rome und häufiger Gesprächspartner von CEOs großer Konzerne aber durchaus faszinierend, auf den Kommunisten, der die Frage nach einer Alternativlosigkeit des Kapitalismus klar beantwortete: ›Eine Alternative zum Kapitalismus ist alternativlos.‹ Nur leider hätten sich derzeit die Knechte von ihren Herrn (dem Kapital) so abhängig gemacht, dass sie in ihrer Selbstunterwerfung meinen, auf den Herrn nicht mehr verzichten zu können. Eindrucksvoll war nicht nur nach diesen beiden Vorträgen die Streitkultur während des gesamten Kongresses. Es wurde zugehört, auch mal heftig widersprochen, aber der Diskurs gesucht, für den die Veranstalter bereits durch die Einladung von Referenten mit unterschiedlichen Sichtweisen Voraussetzungen geschaffen hatten.«

Lena, Philosophin auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, gestand: »Marcuse sagte mir nicht viel. Und mit der Diagnose, wir lebten in einer Gesellschaft ohne Opposition, konnte ich auch nicht viel anfangen. Hingegangen bin ich wegen des interessanten Programms trotzdem. Ich habe viel gelernt, über die 60er Jahre in der Bundesrepublik, die ich – in der DDR aufgewachsen – nur aus der Ferne erlebt habe. Bei dem Vortrag von Elke Steven und den Filmen über die Ereignisse rund um den G-20-Gipfel habe ich zum ersten Mal verstanden, wie Wut entstehen und bei einigen auch zu Gewalt führen kann. Ich saß beim Anblick der prügelnden und hinter Helmen und Sichtschutz verborgenen Polizisten selbst mit geballten Fäusten und vermutlich erhöhter Pulsfrequenz im Seminarraum. Sie wirkten wie gewalttätige Roboter und nicht wie Menschen. Meine Ablehnung von Gewalt schwand jedenfalls kurzzeitig.«

Jörg, Psychologiestudent, hatte zunächst keinen guten Eindruck: »Als ich ankam, dachte ich: Ich will nicht nur von Leuten aus der Generation meiner Eltern und Großeltern belehrt oder unterhalten werden. Es gab dann aber doch auch junge Teilnehmer und tolle Vorträge junger Referentinnen. Erhoffte Antworten bekam ich schließlich von einem der ältesten Referenten: Karl Heinz Roth, der die Notwendigkeit der Kooperation von Intellektuellen und Arbeiterklasse bekräftigte.«

Elke, engagierte Rentnerin, fand viele Vorträge »inspirierend, manche tröstend«. Sie nannte etwa Corinna Dengler und Joanna Nagly, die über »Activist Research« und die Degrowth-Bewegung referiert hatten. »Die Energie übertrug sich auf die Teilnehmer. Ganz ähnlich ging es mir, als Raina Zimmering über autonome und alternative Räume am Beispiel von Bewegungen in Lateinamerika und des arabischen Frühlings sprach.« Die Erinnerung an Antigipfel der vergangenen Jahre, an Weltsozialforen, Occupy, Demos gegen TTIP und CETA, Umweltbewegungen und viele andere Kritiker der imperialen Lebensweise habe gutgetan. »Das gemeinsame Betroffensein« sei »Grundlage des Antikapitalismus«. Nun müssten sich lokale Widerstandsbewegungen global vernetzen, die Leute müssten raus aus den Nischen. »Jetzt würde der Biermann-Liedtitel ›Warte nicht auf bessre Zeiten‹ passen!«

An Themenvorschlägen für den nächsten NGfP-Kongress Anfang März 2019 herrschte kein Mangel. Die Gesellschaft wird Interessierte auf dem laufenden halten.

www.ngfp.de


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