Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 8 / Ansichten

Tristes Spektakel

Vergifteter Doppelagent in Großbritannien

Von Reinhard Lauterbach
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Tatort Salisbury: Hier wurde der ehemalige Doppelagent Sergej Skipal und seine Tochter gefunden (13.3.2018)

Die Story ist Stoff für einen Krimi. Einen bitteren Thriller nach einem Drehbuch wie von Graham Greene oder Henning Mankell: Ein Mann mit Vergangenheit wird, acht Jahre nachdem seine Lebensphase als Agent mit dem Austausch zu Ende gegangen ist, schwerverletzt auf einer Parkbank gefunden. Der Mann ist kein Held, sondern ein Verräter. Er hat für Geld Aufklärer des eigenen Landes ans Messer geliefert. Ein korrupter Beamter. Kein Anlass, ihm in der Öffentlichkeit viele Tränen nachzuweinen.

Britische Sicherheitskreise haben dem Independent gegenüber geäußert, Sergej Skripal sei zum Schluss vom britischen Geheimdienst »nicht mehr aktiv genutzt« worden. Die Informanten schlossen nicht aus, dass er »zum Ziel geworden sein könnte, weil er möglicherweise als freier Mitarbeiter für von ehemaligen Spionen betriebene Sicherheitsfirmen gearbeitet habe«. Unklar bleibt: Wessen Ziel kann er mit solchen halbseidenen Jobs geworden sein? Was kann er zuletzt noch gewusst haben? Zuviel über die Briten? Klar ist: Mit 100.000 US-Dollar hatte sich Skripal einst billig verkauft. Irgendwann war das Geld weg, als Mensch ohne aktuelles Wissen war er für London wertlos. Ein altersarmer Kostgänger.

Für eines ist eine Gestalt wie Skripal aber immer noch gut: die nächsten »irakischen Massenvernichtungswaffen« aus dem Hut zu zaubern. Die Regierung Ihrer Majestät sei »sehr sicher«, dass Skripal Opfer eines in den Siebzigerjahren in der Sowjetunion entwickelten Nervengifts der »Nowitschok«-Gruppe geworden sei, sagte Theresa May. Russland solle innerhalb von 24 Stunden eine »glaubhafte Erklärung« dafür abgeben, wie dieses Gift nach Salisbury gekommen sei. »Glaubhaft« heißt: eine, die wir glauben.

Nochmal der Reihe nach. Bis zum Ende der Sowjetunion war »Nowi­tschok« ein streng gehütetes Staatsgeheimnis. Inzwischen glaubt der britische Geheimdienst laut May sagen zu können, in welchem Labor das an Skripal gefundene Gift synthetisiert worden ist. Wie ist er an dieses Wissen gekommen? Westliche Spezialisten haben die an Skripal gefundene Substanz also offenbar in der Hand bzw. im Reagenzglas gehabt. Woher hatten sie sie? Russland für Gifte verantwortlich zu machen, die man selbst gestohlen hat, ist mehr als dreist.

Das sollte eigentlich Anlass sein, mit Schuldzuweisungen vorsichtig zu sein. Zumal Russland für eine so spektakuläre Racheaktion kein Motiv hat, am wenigsten zu dem Zeitpunkt, zu dem die Sache passiert ist: zwei Wochen vor den Wahlen. Wenn irgendjemand in Moskau beschlossen haben sollte, Skripal zu »liquidieren«, hätte jeder vernünftig zynische Geheimdienstler entschieden, dass es nach acht Jahren jetzt auf ein paar Wochen auch nicht mehr ankommt.

Und westliche Dienste, auf deren – angebliche – Erkenntnisse sich die Kampagne stützt? Die »tun so etwas nicht«. Wirklich?


Debatte

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  • Beitrag von Josef L. aus F. (14. März 2018 um 09:55 Uhr)

    Der Kommentar geht richtig auf die entscheidende Frage ein : Welchen Interessen nutzt dieser mehr als seltsame Mord eigentlich. Eine Frage, die für einen Kriminologen eine der ersten ist, die aber in der Demagogie der Scheinheiligen nicht vorkommt. Der eigentliche Skandal liegt darin, daß eigentlich die allermeisten Menschen wissen : Es gibt kaum eine Schweinerei, die irgendeinem Geheimdienst nicht zuzutrauen ist.....aber irgendwelche Konsequenzen hat das nicht. Siehe eben auch den passend gezimmerten “Grund“ für den Irakkrieg ....oder nahezu alle Kriege, für die fast immer die Anlässe konstruiert werden. Da agieren Kriegsverbrecher, aber bestenfalls sind finanziell gut abgesicherte Rücktritte die Folge. Anders ausgedrückt : Der Istzustand lädt zur Kriegshetze ein. Das, was durch die Nürnberger Prozesse sehr richtig begonnen wurde, wurde niemals folgerichtig weiter entwickelt. Und das sieht in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation auch nicht nach Veränderung aus. Es wird weiter gelogen bis Bomben fallen und die Vernunft steht fassungs- und hilflos daneben. Auch das schon in dieses System integriert, weil für Gegenreden die vernichtenden Keulen a la “Putinversteher“ schon bereit liegen. Kein Wunder also, daß auch J. Corbyn sich “empören“ muss.....aber ernüchternd schlimm, daß er es tut.

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (14. März 2018 um 16:14 Uhr)

    Wer profitiert denn davon, wenn ein Mordversuch mit Nervengift auf Russland hindeutet?

    Ziemlich viele möglicherweise:

    RUSSLAND:

    Potentielle Überläufer im eigenen Geheimdienst werden abgeschreckt, wenn sie glauben, sowas könnte ihnen auch passieren.

    Wenn es zu einer gemeinsamen Untersuchungskommission kommt, kann man die Fähigkeiten der Briten prüfen Nervengifte einem Labor zuzuordnen und herausfinden wer die verantwortlichen Wissenschaftler sind.

    (Weil es für kommende Friedensverhandlungen in Syrien relevant wird.)

    SPEZIELL PUTIN:

    Vor der Wahl wird ein klares "Wir gegen die" aufgebaut, das einen starken Mann an der Spitze verlangt.

    UKRAINE:

    Zurückhaltung bei Waffenlieferungen und beim Nato-Beitritt könnte aufgegeben werden.

    GROSSBRITANNIEN:

    Deutschland und die EU werden von engerer Kooperation mit Russland und daraus erwachsenden wirtschaftlichen Vorteilen abgehalten, was die relative Wettbewerbsfähigkeit von GB bewahrt.

    Wenn es zu einer gemeinsamen Untersuchungskommission kommt, kann man die Fähigkeiten der Russen prüfen Nervengifte einem Labor zuzuordnen und herausfinden wer die verantwortlichen Wissenschaftler sind.

    (Weil es für kommende Friedensverhandlungen in Syrien relevant wird.)

    Mögliche Quasi-Enteignungen Putin-freundlicher Russen könnten den Einfluss der russischen Kapitals zurückdrängen und britischen Kapitalisten Vorteile verschaffen.

    USA:

    dieselben wie Großbritannien

    Durch Konfrontation EU-Russland könnte mehr eigenes Fracking-Gas exportiert werden.

    DEUTSCHLAND:

    GB merkt, dass sie bei einer Konfrontation mit Russland auf das Wohlwollen der EU angewiesen sind, was ihre Brexit-Verhandlungsposition schwächt.

    Eine wirtschaftliche Konfrontation GB-Russland könnte Kapitalflucht v.a. aus London bewirken und die resultierende wirtschaftliche Misere andere Länder vom EU-Austritt abhalten.

    CHINA:

    Durch Abwenden Russlands von der EU könnte eine stärkere Bindung an China erreicht werden.

    SAUDI-ARABIEN UND ISRAEL:

    Durch Isolation Russlands könnte auch den Iran geschwächt werden.

    PRIVATPERSONEN:

    Russische Oligarchen die gegen Putin stehen, Rüstungsunternehmer, in Konkurrenz mit Russland stehende Kapitalvertreter, ...

    • Beitrag von Holger L. aus D. (14. März 2018 um 21:42 Uhr)

      Fakt ist aber: Das Giftzeug sollte es entweder nicht mehr geben oder es sollte unter sicherem Verschluss stehen. Da müsste Russland doch wenigstens wissen, ob das wirklich so ist oder ob jemand für ein paar Flaschen Wodka was rausgeschmuggelt hat?

      Und egal, wer es war, so einen Anschlag in aller Öffentlichkeit zu begehen und dabei viele Menschen in Gefahr zu bringen ist schon reichlich dreist. Was kommt als nächstes? Vergiften sie mal schnell das gesamte Trinkwasser einer Großstadt?

      Allerdings hilft es auch nicht, Drohungen gegen Russland auszusprechen, dass in diesem Fall enge Zusammenarbeit unter der Chemiewaffenkonvention angeboten hatte. Russland ist ja derzeit sowieso der beliebteste Buhmann. Wenn das mal nicht irgendwann schief geht...

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