Aus: Ausgabe vom 13.03.2018, Seite 16 / Sport

An der Leine

Der spanische Spitzenklub Atlético Madrid gibt mitten in der Saison zwei wichtige Spieler nach China ab. Der Deal dient Investoreninteressen

Von Rouven Ahl
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Wer ist hier der Spielball? Nico Gaitan (l.) und Yannick Carrasco lockte es nach China (Champions-League-Spiel, Lissabon 2014)

»Das ist schon eine ungemütliche Zeit«, gab Diego Simeone zu Protokoll, als er sich zum Verkauf der beiden Spieler Yannick Carrasco und Nico Gaitan für 30 bzw. 18 Millionen Euro an den chinesischen Klub Dalian Yifang äußern sollte. Denn damit hat der Trainer des spanischen Erstligisten Atlético Madrid seit Ende Februar nur noch 19 Spieler im Kader – kein europäischer Spitzenklub verfügt aktuell über weniger Spieler.

Was bewegte also einen Verein, der auf dem zweiten Platz der spanischen La Liga steht, und nach einem klaren 3:0 gegen Lokomotive Moskau vergangenen Donnerstag auch für das Viertelfinale der Europa League planen kann, mitten in der heißen Saisonphase zwei wichtige Spieler abzugeben? Besondere Verwunderung ruft der Verkauf von Yannick Carrasco hervor. Der belgische Flügelstürmer ist erst 24 Jahre alt und gilt als großes Talent. Für Simeone ist die Sache klar: Den Spielern werde vom chinesischen Geld der Kopf verdreht. Atlético Madrid hätte die Freigabe jedoch nicht erteilen müssen. So einfach ist die Sache also nicht.

In dem Spitzenklub treffen viele unterschiedliche Interessenlagen aufeinander. Ein Blick in die Geschichte der Rojiblancos (Rot-Weißen) hilft, die Situation zu erhellen. In der Ära Simeone, der seinen Job 2011 antrat, hat sich der Klub wieder zu einem Spitzenverein entwickelt. Doch ehe der Argentinier Atlético zweimal in das Finale der Champions League, zu einem Meistertitel und dem Gewinn der Europa League führte, hatte der Hauptstadtklub ein Dasein im sportlichen Niemandsland gefristet. Was allerdings viel schwerer wog, waren die finanziellen Probleme. Nach Informationen des Spiegels drückten den Verein noch 2015 Schulden in Höhe von 520 Millionen Euro.

Der sportliche Erfolg hat sich dennoch eingestellt: Atlético gehört mittlerweile zu den besten Klubs in Europa. Wie ist das bei einem Verein möglich, der als chronisch pleite galt? Für den Erfolg hat Atlético das Tafelsilber verkauft. Im Buch »Football Le aks« der Spiegel-Journalisten Rafael Buschmann und Michael Wulzinger, in dem dubioses Geschäftsgebaren aus einer noch dubioseren Branche offenlegt wurde, wird gezeigt, dass sich der Verein schon vor längerer Zeit von diversen Investorengruppen anhängig gemacht hat. Diese sichern sich dabei für frisches Geld Transferrechte an Spielern und profitieren nun von deren Weiterverkäufen. Vor allem die irische Gesellschaft »Quality Sports« soll ca. 58 Millionen Euro gezahlt und sich dafür Anteile an den Transferrechten von Spielern wie Sergio Agüero oder Diego Costa gesichert haben. Hinter »Quality Sports« steht mit Jorge Mendes (Berater von u. a. Cristiano Ronaldo) einer der mächtigsten Strippenzieher im Weltfußball.

Logischerweise sind diese Investoren nicht daran interessiert, dass sich ihre Spieler durch große Vereinstreue auszeichnen, sondern daran, dass sie möglichst oft und für möglichst viel Geld den Verein wechseln. Im Zuge dessen erscheinen auch die Transfers von Carrasco und Gaitan in einem neuen Licht, denn ganz freiwillig wird man die beiden Spieler nicht abgegeben haben. Auffällig ist zudem, dass Carrasco und Gaitan laut Süddeutscher Zeitung an einen Klub transferiert wurden, dessen Besitzer 20 Prozent der Anteile an Atlético hält: Wang Jianlin und seine »Dalian Wanda Sportgroup«, die auch Hauptsponsor des neuen Stadions der Madrilenen ist.

Mit all diesen Interessenverflechtungen steht Atlético wohl wie kein zweiter Spitzenklub in Europa stellvertretend für die schöne neue Fußballwelt des modernen Sportgeschäfts. Er ist schon lange zum Spielball von Investoren geworden.


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