Aus: Ausgabe vom 13.03.2018, Seite 8 / Ansichten

Merkel-Versteher des Tages: Martin Selmayr

Von Simon Zeise
Belgium_European_Com_56557241.jpg

Berlin regiert in Brüssel. Drei von vier EU-Behörden hören demnächst auf Merkels Kommando. Die Generalsekretäre des Parlaments und des Auswärtigen Dienstes verfügen bereits über einen deutschen Pass. Nach dem Willen des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker soll künftig sein früherer Mitarbeiter Martin Selmayr die 32.000 Beamten der Kommission dirigieren. Juncker nennt Selmayr wegen seiner langen Bürozeiten und Arbeitswut liebevoll das »Monster«. Die britische Presse bezeichnete ihn als Plaudertasche, weil er Interna aus dem »Brexit«-Dinner von Juncker und Theresa May im vergangenen Oktober an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung weitergetratscht haben soll – was Selmayr stets bestritt.

Kritik wegen der Beförderung perlt an Juncker ab. Auf Fragen von Abgeordneten, ob Selmayr nicht einige Karrierestufen übersprungen habe, antwortete er schriftlich: Mit den Worten, die kurzfristige Ernennung Ende Februar sei »in Übereinstimmung mit den Personalvorschriften und allen relevanten Regeln« erfolgt, wurde Juncker am Montag von den Zeitungen der Funke-Mediengruppe zitiert. Die Beförderung habe der »normalen Praxis der Kommission« entsprochen.

Weiter wollte er sich mit lästigen Details nicht beschäftigen – er schickte seine deutschen Buddies vor. Der EU-Parlamentarier Elmar Brok (CDU) holte zum ganz großen Gegenschlag aus: Es handele sich »in Teilen auch um einen antideutschen Angriff von ganz links und ganz rechts im EU-Parlament«. Der neue Generalsekretär verfolge jedoch eine »europäische und keineswegs eine deutsche Linie«.

Im EU-Parlament sollte die Personalie Selmayr am Montag abend diskutiert werden. Dort durfte der in der Wirtschaftsunion zuständige Kommissar für Personal und Haushaltsfragen die Abgeordneten belehren, wer Herr und wer Knecht ist: Günther Oettinger (CDU) – ebenfalls ein Deutscher.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Ansichten
  • Front National gibt sich neuen Namen
    Hansgeorg Hermann