Aus: Ausgabe vom 03.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

Diese Kinder

Von Ann Cotten

Die Kinder fahren hundertfünfzig auf der Autobahn,

sie wohnen in Neuderben mit den Töchtern

und gehen einer Arbeit täglich nach.

*

Ich war noch nie, wo sie sich täglich plagen,

doch kenne ich die Namen ihrer Welt

schon lange: Ich bin die Wetterfrau,

die stündlich den Spott des Himmels benennt.

*

Aus Brieskow-Finkenheerd lässt sich die Flut schon blicken,

und sie tragen Sandsäcke nach Bahren,

am Weg nach Steinitz blieb ein Laster stecken,

im Biesetal hat’s nachts schon minus sieben.

*

Die Königskerzen stehen auf halb acht im Dunklen,

wenn vom Landwind die Gaslaternen schwanken.

*

Die Kinder sind dem Wetter ausgeliefert,

regnet’s, ist ganz Neuredekin ein Loch im Topf,

und glänzen tut es auf den Pflastersteinen,

da haben die Kinder Anlass, sich auszuweinen.

*

Die Kinder sind ungefähr halbe Menschen.

Sie ziehen ihren Schwanz ein und sind still,

sie brummen etwas, lieben ihre Nachfahren,

Nostalgiepudding und das Scheißgefühl.

*

Und hat doch jeder seinen kleinen Garten

mit Glasboln drin, die er statt Sprachen kennt.

Sie meinen, etwas trennt sie von den Großen,

in Wirklichkeit trennt wenig sie von Rindenmulch.

*

Ich ruf die Kinder nicht an, keine Chance,

auch ihre Kinder werden nicht verstehen –

entzünde aber ihre Hintergedanken

und hoffe, sie bald vor den Häusern zu sehen.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton