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Aus: Ausgabe vom 01.03.2018, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Alles gut ?

Von Wiglaf Droste

Selten hörte ich in den letzten Jahren drei Silben so häufig wie »Alles gut«. Jeder Mensch weiß zwar, dass niemals »alles« gut ist oder werden kann oder wird, aber das Bedürfnis nach dem Gefühl, dass nichts mehr weh tut und quält, existiert, nicht nur bei Kindern. Und so ist »Alles gut« im besten Falle ein liebevoller Tröstungsversuch.

Es schwingt in »Alles gut« aber auch anderes mit; touchiert man jemanden im städtischen Gewühl und bittet, »pardon« sagend, um Entschuldigung – weil man sich nicht selbst entschuldigen, sondern nur um Entschuldigung bitten kann, weshalb der Satz »Ich entschuldige mich« eine dreiste Vorspiegelung einer Bescheidenheit ist, die sich durch das »Ich mich« selbst entlarvt –, bekommt man ein abwiegelndes »Alles gut« zu hören, das eine Melange ist aus einem verklausulierten »Lass mich bitte in Ruhe!«, einem beschwichtigenden »Mach dir keine Sorgen, mach dir keinen Kopp!« und einem vorsorglichen »Keine Angst, ich tu dir nichts!«

Alles gut? Das gibt es nicht, wir werden niemals fertig, aber friedfertig ist ja schon mal ein Millimeterchen Fortschritt. Lügen, wenn sie nicht fromm automatistisch, sondern klug eingesetzt werden, sind das Minimal­öl, ohne das die Kriegsmaschine Welt sich nicht anders drehen lässt. Salopp gesagt: Kleinzivilisation macht auch Mist.

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