Aus: Ausgabe vom 27.02.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Briefe bleiben liegen

Nach Warnstreiks bei der Deutsche Post AG könnte es am Mittwoch zu einem Tarifabschluss kommen. Manager verweigern sich linearer Lohnerhöhung

Von Gudrun Giese
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Posthörner zu Totenköpfen. Die Beschäftigten sind von den Vorstellungen der Bosse nicht besonders angetan (Warnstreik in Hannover, 23. Februar)

Bis auf Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern gab es Warnstreiks in allen Bundesländern. Die Beschäftigten der Post AG haben am vergangenen Donnerstag und Freitag die Forderung nach einer sechsprozentigen Entgelterhöhung in der laufenden Tarifrunde eindrucksvoll bekräftigt. Am gestrigen Montag und heutigen Dienstag werden die Verhandlungen für die rund 130.000 nach Tarif beschäftigten Postler in Much bei Bonn in der bereits vierten Runde fortgesetzt.

»Die von der Post AG angedachte Nullrunde für dieses Jahr ist für uns vollkommen inakzeptabel«, hatte Andrea Kocsis, stellvertretende Verdi-Vorsitzende und Verhandlungsführerin für die Beschäftigten, zu Beginn der Warnstreiks erklärt. Bei den Gesprächen vom 19. und 20. Februar hätten die Unternehmer es rundheraus abgelehnt, für 2018 eine lineare Entgelterhöhung zu vereinbaren. Offensichtlich sei stärkerer Druck nötig, um die Post AG zu ernsthaften Verhandlungen zu bewegen. Andrea Kocsis fasste die Lage zusammen: »Das Unternehmen macht Rekordgewinne, und die Beschäftigten erwarten, dass sie mit einem ordentlichen Lohnplus daran beteiligt werden.«

Post-Chef Frank Appel hatte versucht, Verdi vorab einzuschüchtern: Der Konzern habe »keinen großen Spielraum für signifikante Steigerungen der Löhne«, hatte ihn die FAZ vergangene Woche zitiert. Das weltweit agierende Unternehmen fahre den Löwenanteil seiner Gewinne abseits des deutschen Heimatmarktes ein: »Das Geld ist in anderen Ländern verdient worden.«

Die Beschäftigten wollen sich allerdings mit solchen Ausflüchten nicht abspeisen lassen. Am vergangenen Donnerstag hatten sich zunächst rund 1.500 Kollegen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Schleswig-Holstein an Warnstreikaktionen in Gestalt von zentralen Kundgebungen beteiligt. Am folgenden Tag legte wiederum eine vergleichbare Zahl an Brief- und Paketzustellern in Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Bremen, Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befristet die Arbeit nieder. Beim Ausstand in Hannover dürften nach Schätzungen der Gewerkschaft Verdi rund 200.000 Briefsendungen liegengeblieben sein, berichtete die Neue Presse am Freitag. Eine Post-Sprecherin habe gegenüber dem Blatt erklärt, sie könne nicht sagen, wie viele Briefe sich verspäten. Die allermeisten Sendungen würden die Empfänger pünktlich oder mit einem Tag Verspätung erreichen. Es werde nur geringe Verzögerungen geben.

Neben der linearen Entgelterhöhung von sechs Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten fordert Verdi für die Post-Beschäftigten zudem, in den Tarifvertrag die Möglichkeit aufzunehmen, einen Teil der Entgelterhöhung in freie Zeit umzuwandeln. In einer Umfrage vor Beginn der Gespräche hatte sich eine große Mehrheit der Teilnehmenden Ende vergangenen Jahres für eine solche Kombination aus Entgeltplus und mehr Freizeit ausgesprochen. Verdi will außerdem erreichen, dass die bisherige leistungsbezogene Jahresprämie in einen festen Bestandteil des Monatseinkommens umgewandelt wird. Und für die rund 32.000 Beamten des Unternehmens soll die sogenannte Postzulage fortgeschrieben werden.

Dass Verdi vorsichtig optimistisch in die nun gestartete vierte Runde der Verhandlungen gegangen ist, lässt sich aus einer kleinen Randbemerkung in der Pressemitteilung der Gewerkschaft folgern. »Vorsorglich« habe Verdi die zuständige Tarifkommission für Mittwoch nach Bonn geladen. Dieses Gremium kommt unter anderem dann zusammen, wenn befunden werden muss, ob eine Verhandlungseinigung als Tarifabschluss akzeptabel ist. Sollte es zu keiner Einigung kommen, würde die Streikbewegung sicher erheblich ausgeweitet.


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