Aus: Ausgabe vom 01.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

Im falschen Körper

Von Thomas Wagner
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Digitale Installation »Dance! Art Exhibition, Learn & Play!« in Taiwan

Menschen, die schon als Kind das Gefühl haben, sie steckten in einem falschen Körper, werden transsexuell genannt. Wer die physischen Merkmale einer Frau, jedoch eine männliche Geschlechtsidentität aufweist, gilt als Transmann. Wer im Körper eines Mannes steckt, aber eine weibliche Geschlechtsidentität hat, wird als Transfrau bezeichnet. Allerdings gibt es auch Betroffene, die diese Bezeichnungen ablehnen. In den letzten Jahren hat sich der Begriff Transgender durchzusetzen begonnen. Der umfasst zusätzlich auch Personen, die sich nicht eindeutig auf eine Identität als Mann oder Frau festlegen lassen wollen.

Transhumanisten wiederum streben an, den biologischen Körper zu verlassen, um ihr Bewusstsein in eine beständigere Form zu gießen. »Eines Tages werden wir in der Lage sein, unsere Geistestätigkeit auf ein angemesseneres Medium zu transferieren«, schreibt der transhumanistische Guru und Google-Chefingenieur Raymond »Ray« Kurzweil in seinem Buch »Menschheit 2.0« (engl. Titel: »The Singularity is near«). Was den englischen Journalisten Mark O’Connel, der für sein Buch »Unsterblich sein« mit einigen der wichtigsten Vertreter des Transhumanismus sprach, auf den folgenden Gedanken brachte: »Ich erkannte, dass diese Vorstellung der Gesamthirn-Emulation und des Transhumanismus als Bewegung, Ideologie oder Theorie auf dem Gefühl basierte, dass wir alle im falschen Material gefangen waren, eingeschränkt durch unsere materielle Präsenz in der Welt. Vom Transfer auf ein ›angemesseneres Medium‹ zu sprechen, machte nur Sinn, wenn man sich selbst ohnehin als Computer betrachtete.«

Vereinzelt gibt es auch Personen, die sich als Transgender und als Transhumanisten begreifen. Zu ihnen gehört die reiche Unternehmerin Martine Rothblatt. Das private Vermögen der 1954 geborenen Gründerin des Satelliten-Radionetzwerks Sirius XM wird auf 340 Millionen Dollar geschätzt. Rothblatt hatte die ersten 30 Jahre ihres Lebens als Mann gelebt und ließ ihr biologisches Geschlecht mit 40 Jahren an ihre Identität anpassen. Nun ist sie darum bestrebt, eine digitale Kopie ihrer Ehefrau anzufertigen.

Zoltan Istvan, der Gründer und vormalige Präsidentschaftskandidat der Transhumanistischen Partei der USA, betont immer wieder, dass sich in der queeren und Transgender-Szene wohl leicht Verbündete für seine Sache finden ließen. Die Anhängerschaft des Transhumanismus ist zwar noch überschaubar, wird aber von äußerst finanzstarken Spendern aus dem Silicon Valley unterstützt. Mit der LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender)-Bewegung hätte man eine Menge gemeinsam, argumentierte er am 25.6.2015 auf einem Blog des Online-Magazins Huffington Post. Beinahe alle Transhumanisten würden die Sache der LGBT-Aktivisten unterstützen. Der Wunsch, frei über die eigene sexuelle Identität und Vorlieben bestimmen zu können, werde von ihnen geteilt. Und die Verbesserung der Körperveränderungstechniken mache dies möglich. Bei den Philosophien, die den beiden Bewegungen zu Grunde liegen, handele es sich um zwei Seiten derselben Medaille. Bislang werden transhumanistische Überlegungen allerdings nur in sehr kleinen Kreisen diskutiert. Es ist aber nicht auszuschließen, dass sie im Zuge der in linken akademischen Zirkeln beliebten Akzelerationismus-Debatte in Zukunft eine größere Resonanz finden könnten. Zu begrüßen wäre das nicht, denn die Vision der wichtigsten transhumanistischen Vordenker ist die möglichst schnelle Überwindung des Menschen als biologisches Wesen. Ihre Ziele sind im Kern antihuman und irrational.


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  • Janka Kluge: Falsches vermengt Herr Wagner zitiert die Auffassung, dass es sich bei Transsexualität oder Transgender und Transhumanität »um zwei Seiten derselben Medaille handele«. Menschen mit Transsexualität wissen von sich, dass...

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