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Aus: Ausgabe vom 22.02.2018, Seite 10 / Feuilleton
Droste

Sprache ist ein Meer

Von Wiglaf Droste

Mit der Sprache öffnet sich die Welt. Der Mensch ist ein Redewesen, und die mündliche Überlieferung ist direkter, persönlicher und weniger anfällig für Missverständnisse als die schriftliche. Beim Sprechen kommen zum Inhalt und zur gewählten rhetorischen Form noch Farbe und Klang dazu, und das trägt entscheidend zum richtigen Verständnis bei.

Was nicht automatisch angenehm sein muss; ningeln, keifen und brüllen werden – außerhalb von Eheleben oder ähnlichen Kasernenhöfen –, vom Trommelfell nur höchst ungern entgegengenommen. Nicht alles, was unter Geräuschabsonderung und unspezifische Gefühls- und Gemütsäußerung fällt, ist schon verständliche Sprache.

Wer sprechen können will, muss zuallererst hören und zuhören können. Das Wort formt sich im Ohr, das es empfängt, und wandelt sich beim Weg auf die Zunge zur eigenen Sprache und Sprechweise. Wie unterschiedlich doch die zärtlich gehauchten Worte »Ich liebe dich« und das zähnefletschende, aggressive »Verdammt, ich lieb dich!« nicht nur klingen, sondern auch ihrer Bedeutung nach sind! Die Mischung aus Sprache und Brechmittel heißt Sprechmittel; die Welt ist damit geflutet, aber es gibt Inseln, Wortschatzinseln, aufbewahrt in Büchern und, besser noch, mit Hilfe einer Technik, die Töne trägt, und am allerbesten im Menschen selbst, der den Reichtum weitergibt von Mund zu Ohr.

So üppig und auch gewaltig ist der Fundus der Sprachen, dass kein Mensch ihn in einem Leben in sich aufnehmen könnte; er kann aber, Neugierde, Offenheit, Wissensdurst, Spieltrieb und Freude vorausgesetzt, sich von einem Streifschuss der Zivilisation erwischen lassen. Immer wenn die zurückbleibende Narbe berührt wird, sei es von ihm selbst oder von anderen, wird aus der Ebbe wieder die Flut, mit der sorgsam umzugehen man lernen muss, um nicht in ihr zu ertrinken.

Der Mensch kann nicht nur nehmen und hinnehmen, er kann auch schöpferisch tätig werden und dem Ozean der Sprache den einen und anderen Tropfen in Form von Worten hinzufügen und schenken zum Dank für die Fülle, die ihn umgibt. Für heute schlage ich das den Stand derzeitiger Diplomatiekunst beschreibende Substantiv »Parlamentärsvögel« und das meine Grundschullehrerin Frau Schmissas ehrende Verb »schmissassen« vor; schmissassen beschreibt die Kunst, Therorie und Praxis gedeihlich in harmonischen Klang zu fügen und zu fugen.

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