Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Weimarer Sprachgut

Zu jW vom 24. Januar: »Rotlicht: Konzentrationslager«

»Konzentrationslager« gehörte – was offenbar dem »Vergessen« anheimfiel – zum Weimarer Sprachgut. Die Bezeichnung tritt im weiten Bogen der Parteien und ausschließlich im Kontext zweier Minderheiten der späteren NS-Verfolgung auf, der »Ostjuden« und der Roma. Gegen »Ostjuden« forderte im März 1920 die christlich-soziale Tageszeitung Das Volk »Gefangenenlager und Konzentrationslager«. Die Christlich-Sozialen waren eine protestantisch-antisemitische Strömung in der DNVP. Nachdem im April die bayerische Regierung die meisten »Ostjuden« ausgewiesen hatte, kündigte der preußische Innenminister Alexander Dominicus von der linksliberalen DDP an, dass die Regierung unerwünschte Ausländer, gemeint waren »Ostjuden«, in »Konzentrationslagern« internieren werde. Zwei solche Lager wurden in Stargard und Cottbus an Orten früherer Lager für russische Kriegsgefangene errichtet. Die Reichswehr bewachte sie. Es kam zu brutalen Übergriffen. Zu einem Barackenbrand in Stargard hieß es: »Die Juden sollen ruhig verbrennen.« Ende 1923 wurden sie geschlossen. Gegen »Zigeuner« forderte 1922 ein Bamberger Bezirksamt die »Verschubung« in ein »Konzentrationslager« als Teil einer umfassenden Entrechtung durch ein »Landesgesetz« und eine Verfassungsänderung. In Frankfurt am Main etablierte der Magistrat 1929 einen Wohnwagenstandplatz als »Konzentrationslager«. Es lag auf morastigem Grund an der Peripherie, war ohne Wasseranschluss und Brennholzzugang. Ein Schulbesuch, den Eltern hartnäckig für ihre Kinder forderten, war lange unmöglich und blieb erschwert. Der SPD-Oberbürgermeister sah das Lager als ersten Schritt: »Die Zigeuner in eine menschenleere Gegend, z. B. in der Lüneburger Heide«, zu deportieren, habe »noch einige Zeit«.

Ulrich F. Opfermann, per E-Mail

Kriegsvorbereitungen

Zu jW vom 10./11. Februar: »Personal und ­Politik«

(…) Georg Fülberth stellt fest, (…) dass in den »Groko«-Verhandlungen die Fortsetzung der Militarisierung der Außenpolitik von niemandem in Zweifel gezogen werde. (…) Doch sie wird nicht nur fortgesetzt, sondern erheblich verstärkt und mit neuen Zielbestimmungen und in neuen Formen fortführt. Das ist eine (…) gefährliche Politik, von der Lucas Zeise in der UZ schrieb: »Der dritte Weltkrieg wird vorbereitet.« Während der Koalitionsverhandlungen wurde (…) beschlossen, ein neues NATO-Hauptquartier in Deutschland zu installieren. Es soll von Deutschland betrieben werden, und von ihm aus sollen auch Militäreinsätze außerhalb des NATO-Gebietes geplant und geführt werden. Als möglicher Gegner in Europa wird Russland ins Auge gefasst. Bereits beschlossen wurde der Aufmarsch an der Grenze zu Russland durch die Truppenverstärkung in Polen, Litauen, Lettland und Estland. Im Militärbündnis Pesco haben sich 23 EU-Staaten zusammengeschlossen, um die regelmäßige Erhöhung des Rüstungsetats und die Bereitstellung von Soldaten für die Krisenreaktionskräfte der EU zu organisieren. Zu alldem keine Stellungnahme der Unterhändler für eine Regierungskoalition. Die Wirklichkeit außerhalb der Koalitionsverhandlungen (…) ist beunruhigend: Das kollektive, laut dröhnende Beschweigen der Weltmachtpolitik der BRD und die auch militärisch gestützte Frontstellung gegen Russland sind friedensbedrohend. (…)

Peter Römer, Kassel

Macht und Kommerz

Zu jW vom 9. Februar: »Wie zum Hohn«

Endlich! Die Kommerz- und Propagandaspiele in Pyeongchang haben begonnen. Die Jagd der gedopten und nicht gedopten Hochleistungsathleten auf die Medaillen kann ungestört von Russenfahnen und -hymne verlaufen. (…) Der Westen unter Führung der USA und das IOC mit einem Chef, der aus Deutschland kommt, stellen sich als die moralischen Gralshüter des sauberen Sports dar. Ausgerechnet die USA mit ihrer illustren Dopingvergangenheit und -gegenwart! Auch Deutschland kann mit einer Dopingvergangenheit aufwarten. (…) Jeder, der sich mit Sport befasst, hat durchschaut, dass es im Vorfeld der Olympischen Spiele nicht um »sauberen« Sport ging, sondern lediglich darum, ein Land auszuschließen (…). Damit hat nun hoffentlich auch der letzte begriffen, dass selbst der eigentlich völkerverbindende Sport längst geostrategischen, machtpolitischen und kommerziellen Interessen geopfert wurde. Dass er dadurch kaputtgemacht wird, nehmen die geostrategischen Scharfmacher billigend in Kauf.

Gert Alisch, Chemnitz

Falsches Modell

Zu jW vom 12. Februar: »Das Ende naht«

Im Augenblick verhandelt Jacob Zuma noch, um nach seinem Rücktritt (finanziell) abgesichert zu sein. All das, was er während seiner Präsidentschaft in seinem und im Interesse seiner Familie (…) angesammelt hat und mittels gezielter staatlicher Postenbesetzung abgesichert glaubte, will er nun in sein Pensionärsdasein hinüberretten. Das ist im Kern das Entscheidende, denke ich. Denn Zuma ging es nicht darum, sein persönliches Dasein und Wohlergehen in den Dienst ideologischer oder politischer Ideen/Visionen zu stellen. Umgekehrt wird eher ein Schuh daraus. Er ist im Grunde mehr ein Überlebenskünstler als ein Politiker. Cyril Ramaphosa soll nun eine neue Ära einleiten. Grundlegendes, was die sozioökonomischen Verhältnisse anlangt, wird sich aber mit Ramaphosa nicht ändern. Sein politisches Vorbild ist das Sozialpartnerschaftsmodell der alten BRD. Doch was unter den Verhältnissen der damaligen Systemkonkurrenz in Europa zumindest zeitweise funktionierte, wird unter den Verhältnissen in Südafrika nicht greifen. Die hiesige Wirtschaft fußt nach wie vor auf der Ausbeutung von Rohstoffen unter kolonialen Bedingungen. Billige Arbeitskräfte (meist Wanderarbeiter) buddeln Gold, Platin, Diamanten etc. aus dem Boden. Die Rohstoffe werden außer Landes geschafft und woanders verarbeitet. Importiert werden die fertigen Produkte und auf den Markt gebracht. Diese Verhältnisse müssen radikal verändert werden, wenn Armut (50 Prozent der Bevölkerung), Ungleichheit und Arbeitslosigkeit (ca. 40 Prozent) beseitigt werden sollen. Ob das mit Hilfe von »Sozialpartnerschaft« gelingen kann? Wohl kaum. (…)

Detlev Reichel, Tshwane/Südafrika

Das kollektive Beschweigen der Weltmachtpolitik der BRD und die auch militärisch gestützte Frontstellung gegen Russland sind friedensbedrohend.