Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wo nichts gezeigt werden darf

»A Pink Tribute to Keiko Sato«: Japanische Erotikfilmklassiker in der Sektion Forum

Von Michael Streitberg
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Irgendetwas, das mit Sex, Geist und Körperlichkeit zu tun hat: »Gushing Prayer« (1971)

Widersprüchliches Japan. Die Pornoindustrie des Landes zählt zu den größten der Welt, und doch verbieten jahrzehntealte »Obszönitätsgesetze« bis heute die Zurschaustellung primärer Geschlechtsorgane. Pornographie muss mit entsprechenden Pixeln versehen werden. Softcore-Erotikfilme gehen unter dem Label »Pinku eiga« (Pink-Film) andere Wege. Statt draufzuhalten, wo nichts gezeigt werden darf, versuchen sich seine Macher an Werken, die mehr sind als Handlungskrücken für Sexszenen. Etlichen Regisseuren bot das Genre Gelegenheit für mal mehr, mal weniger gelungene Experimente, die bei den großen Studios kaum denkbar gewesen wären. So lassen sich auch zwei der drei historischen Beiträge aus diesem Genre in der Sektion Forum der diesjährigen Berlinale dem »Kunstfilm« respektive der »Avantgarde« zuordnen. Produziert wurden alle drei Werke von Keiko Sato, die das Genre geprägt hat, wobei sie unter dem männlichen Pseudonym Daisuke Asakura agierte.

In »Inflatable Sex Doll of the Wastelands« (1967) von Atsushi Yamatoya soll ein Profikiller die entführte Braut eines Gangsters aus den Händen einer sadistischen Bande befreien. Als Kulissen dienen weite Landschaften in der Ästhetik von Italowestern, aber auch Straßenschluchten und Bars in Tokio. Telefone wachsen aus dem Boden, Zeitebenen verschwimmen wie (Alp-)Träume und Wirklichkeit, man fühlt sich mitunter an Werke von David Lynch erinnert. Der assoziative Bilderbogen ist auf audiovisueller Ebene durchaus beeindruckend. Zugleich transportiert er ein Geschlechterbild, das Frauen primär als Beute, Lockvögel und Objekte männlicher Macht zeigt. Dass Frauen am Ende mit den titelgebenden Sexpuppen zu verschmelzen scheinen, geht kaum als ironische oder gar subversive Volte durch.

Um die Desillusionierung junger Menschen im Abschwung der auch in Japan einflussreichen 68er-Bewegung geht es in Masao Adachis »Gushing Prayer« (1971). Die verloren wirkenden Protagonisten suchen irgendetwas, das mit Sex, Geist und Körperlichkeit zu tun hat; ihre Odyssee durch Tokio wird aus dem Off mit Abschiedsbriefen junger Selbstmörder hinterlegt. Auf Erlösung, soviel ist sicher, kann niemand hoffen. Den Regisseur führte seine eigene Sinnsuche ein Jahr später zum Kampftraining in den Libanon und in die Reihen der Stadtguerillaorganisation »Japanische Rote Armee«.

Am zugänglichsten ist vielleicht ein jüngeres Werk von Masayuki Suo, »The Abnormal Family« (1984), ein ironischer Blick auf die Konventionen des traditionellen japanischen Familienlebens. Stellenweise wirkt dieser Film wie eine Parodie auf Yasujiro Ozus Klassiker »Die Reise nach Tokio« (1953) über die Gräben zwischen den Generationen in der von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägten Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt steht ein Mehrgenerationenhaushalt, in dem jeder mit seinen sexuellen Nöten kämpft. Die brave Ehefrau zitiert väterliche Phrasen von der Liebe, die erst mit der Zeit wächst – um sich dann auf dem Wohnzimmerboden der Onanie hinzugeben. Nur in diesem Film macht Sex den Beteiligten Spaß – den man ihnen auch ansehen soll: Während ihre Geschlechtsteile verborgen bleiben, fließt der Schweiß in Strömen.

»Inflatable Sex Doll …«, Regie: ­Atsushi Yamatoya, Japan 1967, 16. und 23.2.; »Gushing Prayer«, Regie: Masao Adachi, Japan 1971, 18. und 24.2.; »­Abnormal Family«, Regie: Masayuki Suo, Japan 1984, 19. und 25.2.


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