Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 7 / Ausland

Angst vor einem Teenager

Prozess gegen Ahed Tamimi in Israel unter Ausschluss der Öffentlichkeit eröffnet

Von Gerrit Hoekman
RTS1LA69.jpg
Ahed Tamimi wird am 1. Januar vor ein Militärgericht im Gefängnis Ofer geführt

Israel fürchtet sich vor einer gerade erst 17 Jahre alt gewordenen Palästinenserin. Die Angst ist so groß, dass der Richter am Dienstag die Öffentlichkeit von der ersten Anhörung im Fall Ahed Tamimi ausschloss. Ihm war das Heer der Reporter zu groß, das von dem Prozess in alle Welt berichten wollte. Zur Last gelegt wird der jungen Frau ein Dutzend Straftaten, unter anderem Aufruf zum Hass gegen Israel. Sie habe außerdem in den sozialen Netzwerken jede Form von Gewalt unterstützt. Das sind Delikte, die in der Regel hart bestraft werden. Die Verhandlung könnte mehrere Monate dauern, und mindestens bis dahin soll Tamimi im Gefängnis bleiben: Einen Antrag auf Haftentlassung bis zum Urteil lehnte das Gericht im Januar ab. Und der Richter hat keine Eile, er vertagte den Prozess nach kurzer Befragung auf März.

Ahed Tamimi greift seit einigen Jahren immer wieder die israelischen Besatzungssoldaten mit Worten an. Sie baut sich vor ihnen auf, beschimpft sie lauthals. Sie hebt drohend die Faust. Manchmal boxt sie auch die Soldaten oder tritt ihnen gegen das Schienbein. Das sind nur einige Tatbestände, die das israelische Militärgericht ihr nun vorwirft. Verletzt wurde bei ihren Aktionen noch niemand, und wer sich die Videos davon im Internet anschaut, stellt fest: Es handelt sich um eine mehr als moderate Form des Widerstands gegen die schwerbewaffneten und gut geschützten Besatzungstruppen.

Der Fall Ahed Tamimi findet international besondere Beachtung, die weltweite Welle der Solidarität und das Medienecho sind größer als sonst bei palästinensischen Gefangen. Das Internetportal Morocco World News nannte sie unlängst »Wonder Woman«. Der bekannte israelische Musiker Yehonatan Geffen verglich die Palästinenserin in einem Gedicht mit Anne Frank, was Verteidigungsminister Avigdor Liberman dazu veranlasste, seine Lieder aus dem Rundfunksender der Armee zu verbannen, wie die Times of Israel berichtete. Der israelische Vizeminister Michael Oren leistete sich eine rassistische Entgleisung und strengte eine Untersuchung an, ob Tamimi überhaupt Palästinenserin sei, wo sie doch blonde Haare und blaue Augen habe.

An Tamimis 17. Geburtstag vor gut einer Woche schauten rund 100 junge, politisch linksstehende Juden aus den USA bei ihrem Vater vorbei und überbrachten einige hundert Geburtstagskarten. In Boston, New York und Washington demonstrierten Menschenrechtsaktivisten und forderten die Freilassung der jungen Frau.

Ahed Tamimi war nach einer Aktion Mitte Dezember festgenommen worden. Auch ihre Mutter Nariman Al-Tamimi sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die weitverzweigte Familie, Onkel, Tanten und Cousins und Cousinen inbegriffen, hat in den letzten Jahren einen hohen Preis für ihren Widerstand gegen die Besatzung zahlen müssen. Einige sind im Gefängnis, andere wurden bei Protesten verletzt oder getötet. Kurz bevor Ahed Tamimi im Dezember die Soldaten angriff, war ihr 14 Jahre alter Cousin von einem israelischen Gummigeschoss im Gesicht getroffen worden. Das macht die Wut verständlich.

Anfang Februar tauchten in ihrem Heimatdorf Nabi Salih hässliche Graffiti auf, die für Ahed Tamimi die Todesstrafe fordern. »Es gibt in Israel keinen Platz für die Al-Tamimis«, übersetzte die Onlineausgabe der Tageszeitung Haaretz am 2. Februar eine Parole. Urheber der Hetze sind wahrscheinlich radikale jüdische Siedler. In der Nähe des Dorfes hat Israel 1977 völkerrechtswidrig die Siedlung Halamish gegründet, in der etwas mehr als 1.000 orthodoxe Juden wohnen, die allermeisten von ihnen äußerst militant. Aheds Vater Bassam Al-Tamimi, ebenfalls ein langjähriger Aktivist für die Freiheit seiner Heimat, wundert sich nicht über die Sprüche, die auf den Mauern und Wänden in Nabi Salih aufgetaucht sind. »Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass die israelische Gesellschaft den Verstand verloren hat«, sagte er am 2. Februar der Haaretz. »Für Leute, die Kinder töten, ist das Sprühen solcher Parolen keine Eskalation.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Südafrikas Präsident verweigert Rücktritt. ANC kündigt Abwahl im Parlament an
    Christian Selz, Kapstadt
  • Kolumbien schickt Tausende Soldaten an die Grenze zu Venezuela. »Lima-Gruppe« fordert Absage der Wahlen
    Modaira Rubio, Caracas
  • Waffen für 200 Millionen Dollar: Israel rüstet Armee und Polizei von Honduras auf. Opposition befürchtet Einsatz gegen Demonstranten
    Volker Hermsdorf
  • Zusammenstöße zwischen Türkei, Zypern und Griechenland wecken Angst vor neuer Konfrontation
    Leonie Haenchen, Thessaloniki