Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 4 / Inland

Durch den Schredder

Feuertod von Oury Jalloh: Justiz löscht Akten zu zwei weiteren ungeklärten Todesfällen im Dessauer Polizeirevier. Es gab personelle Überschneidungen

Von Susan Bonath
Seit vielen Jahren protestiert die Bürgerinitiative im Gedenken
Anfang Januar erinnerten Aktivisten mittels Umgestaltung von Autobahn-Hinweisschildern an den Tod von Oury Jalloh in einer Polizeizelle

Verschwundene Beweismittel, Falschaussagen, verschleppte Ermittlungen: Vieles spricht dafür, dass die Verantwortlichen in Sachsen Anhalt alles unternahmen, damit der Feuertod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle im Januar 2005 nie aufgeklärt wird. Doch die Indizien für einen Mord sind erdrückend. 2017 verwarf der langjährige Ermittler Folker Bittmann die offizielle Selbstmordthese. Er wurde den Fall los. Aus Sicht Bittmanns wollte die Polizei mutmaßlich Misshandlungen verschleiern und ein Aufrollen zweier früherer Todesfälle verhindern. Doch die Akten zu diesen Fällen hat die Justiz vernichtet. Das räumte das Innenministerium Sachsen-Anhalt jetzt ein, wie die Mitteldeutsche Zeitung (MZ) am Montag berichtete.

Es geht um Hans-Jürgen Rose und Mario Bichtemann. Ersteren nahm die Polizei am 8. Dezember 1997 wegen Trunkenheit im Straßenverkehr fest. Kurz nach seiner Entlassung am Folgetag brach Rose zusammen. Er starb an schweren inneren Verletzungen. Einen Verdacht, wonach Beamte den Mann an eine Säule gefesselt und misshandelt hätten, verfolgte niemand. Bichtemann geriet am 29. Oktober 2002 als »hilflose Person« in die Hände der Polizei. Tags darauf fand man ihn tot in seiner Zelle. Die Diagnose: Schädelbasisbruch, vier Rippenbrüche und weitere Verletzungen. Zu beiden Fällen seien keine Akten mehr vorhanden, sagte ein Ministeriumssprecher der MZ. Die Aufbewahrungsfristen sind verstrichen.

Doch die Hauptakte zum Fall Bichtemann liegt jW vor. Anders, als das Ministerium behauptet, ermittelten Justiz und Polizei nicht gegen zwei, sondern gegen drei Beamte wegen des Verdachts der Strafvereitelung und fahrlässigen Tötung. Es handelte sich um Werner T. und Jürgen G. Sie hatten Bichtemann festgenommen, gaben aber Hinweise von Zeugen nicht weiter. Danach war der 36jährige zuvor mutmaßlich Opfer einer Gewalttat geworden. T. und G. riefen trotzdem keinen Krankenwagen. Auch gegen Dienstgruppenleiter Andreas Sch. wurde wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Er habe keinen Notarzt gerufen, als Bichtemann auch nach mehr als zwölf Stunden nicht ansprechbar war.

Das Verfahren gegen Jürgen G. stellte die Staatsanwaltschaft im Mai 2003 ein, sechs Monate später auch die Ermittlungen gegen T. und den Dienstgruppenleiter. Man habe ihnen »einen Vorsatz nicht mit erforderlicher Sicherheit nachweisen« können, hieß es. Die Polizei legte interne Verfahren nach Jallohs Tod zu den Akten. Hauptermittler war hier Polizeirat Frank St. Dieser ist der leibliche Vater von Sebastian F., der im August 2017 wegen der brutalen Vergewaltigung und Ermordung der chinesischen Studentin Yangjie Li zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Werner T. und Andreas Sch. sind auch in den Fall Jalloh verwickelt. Sch. saß deshalb zweimal auf der Angeklagebank. Ende 2012 verurteilte ihn das Landgericht Magdeburg zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro. Er sei nach dem Ausbruch des Feuers nicht schnell genug eingeschritten. In Jallohs wie auch in Bichtemanns Fall wollten er und seine Kollegin Beate H. noch Lebensgeräusche der Gefangenen kurz vor ihrem Auffinden gehört haben. Das konnte jeweils medizinisch ausgeschlossen werden. Werner T. kontrollierte Jalloh zweimal, zuletzt knapp eineinhalb Stunden vor dem Anschlagen des Rauchmelders.

Es gibt weitere Überschneidungen: Der bis heute in Dessau praktizierende Neurologe Andreas B. bestätigte jeweils die Gewahrsamstauglichkeit. Bei Bichtemann »übersah« er den Schädelbruch und vier Rippenbrüche – falls die Verletzungen bereits bei der Einlieferung vorhanden waren. Daneben befanden sich die Beamten Jürgen S., Torsten T. und Udo S. im Umfeld beider Tatgeschehen. Im Fall Jalloh hatte ein Kollege Udo S. und den Beamten Hans-Ulrich M. bei einer undokumentierten Zellenkontrolle kurz vor dem Anschlagen des Rauchmelders erwischt. Auch der damalige Revierleiter Gerald Kohl war bei beiden Taten vor Ort. Er leitete das Revier in Dessau von 1997 bis 2007, also bereits zur Zeit, als Hans-Jürgen Rose umkam. Der Fall Jalloh soll am Freitag erneut Thema im Rechtsausschuss des Magdeburger Landtages sein.


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Verdacht auf Mord Wurde Oury Jalloh das Opfer eines Verbrechens?

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