Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 16 / Sport

Schrein des Herzens

Von André Dahlmeyer
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Und Schlüssel rum: Kinder am Fenster in Ushuaia

Einen wunderschönen guten Morgen! Die Olympischen Winterspiele haben begonnen, bei den Sportbegeisterten Argentiniens aber noch keine Verbrüderungsszenen ausgelöst. Schlittschuhlaufen steckt bei den Silberländern noch in den, äh, Kinderschuhen. Zudem ist Sommer, und Argentinien steckt mitten im »Carnaval«.

Doch ich bekenne: Ich habe mich einst zum Schlittschuhlaufen hinreißen lassen, und zwar auf der Teufelslagune in Ushuaia auf der Insel Feuerland am Beagle-Kanal. Weil das kein Stadion war, konnte man sich nicht an der Bande entlangschummeln. Mein Gastspiel als Flagellant der Stahlkufe war kurz, bald kehrte ich zurück zwischen die Pfosten meines Tors beim feuerländischen Straßenfußball, den wir bevorzugt bei Schnee und Eis kickten, also etwa acht Monate im Jahr, ohne dass jemand die blöde Lagune vermisst hätte.

Die Kanalfischer hatten uns Reusen vermacht, die wir zu Tornetzen umfunktionierten. Die Gestänge waren ein Beitrag der »Prefectura Naval« und hatten in etwa die Größe von Eishockeytoren. Platz zum Ballspielen war da. In der Gegend war alles so gefroren, dass man nicht wusste, was sich darunter befand. Es stand auch nichts herum. Seitenbegrenzungen hielten wir für unwesentlich. Man orientierte sich einfach an den beiden Pi mal Daumen aufgestellten Toren.

Neben meinem Kasten hatte ich auf Höhe der imaginären Torauslinie aus Felsbrocken eine Art Heiligenschrein improvisiert. An einer kräftigen Angelschnur befestigt, befand sich auf dem Boden dieses Schreins ein Blechkanister mit Selbstgebranntem. Wenn meine Ballkameraden einen längeren Betriebsausflug unternahmen und ich sie im wüsten Schneegestöber allmählich aus den Augen verlor, kam es am Schrein zu mitunter schmutzigem Tun.

Die Siedlung in Ushuaia hatten Anfang des 20. Jahrhunderts politische Häftlinge – darunter etliche Anarchisten – aus dem Boden gestampft, mit schweren Eisenketten und Kugeln an den Knöcheln, bei denen es sich nicht um Fußbälle handelte. Seitdem wächst und wächst der Ort. Unten leben die Reichen mit ihren Autoflotten und Yachten. Wenn Saison ist und der Schnee weg, laufen die dicksten Kreuzfahrtschiffe der Welt in die Bucht ein. Einen halben Tag shoppen und knipsen, dann geht’s weiter in die Antarktis.

Je weiter man von den Anlegestellen die Stadt hoch läuft Richtung Waldgrenze, desto ärmer wird’s. Das Leben in Ushuaia ist unbezahlbar, also besetzen die Leute in kleinen Gruppen oder konzertierten Aktionen Flecken in dem, was vom Wald übrig ist, ziehen sich dort über Nacht irgendeinen Notbehelf hoch und drehen den Schlüssel um. Während unten im Ort mit Gas geheizt wird kräuseln über dem Wald die Rauchschwaden.

Unser Fußballplatz lag etwa auf halbem Weg. Man hatte eine prima Aussicht, durfte nur nie in die falsche Richtung schießen. Auf den Trampelpfaden hinter meinem Kasten herrschte oft reger Betrieb. Davor ging es heiß her. Statt eines Strafraums gab es eine Schlitterbahn. Die Bolivianer schossen oft besonders weit drüber. Die Chilenen begannen irgendwann, direkt neben meinem Kasten einen alternativen Heiligenschrein zu zimmern. Die Argentinier versuchten immer zu tunneln. Alle anderen schossen voll auf Mann respektive die Kronjuwelen. Volltreffern folgte brutalstmöglicher Huckepackjubel, aber die Chilenen sind nicht nur begnadete Zimmerlinge sondern ebensolche Wilderer und klaubten in derlei Fällen einen Kanten Biber- oder Guanakofleisch aus ihrem mit Pisco gut gefüllten Schrein und peppelten mich rasch wieder auf.


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