Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Panafrikanismus

Von Simon Loidl
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Gedenken an den Panafrikanisten und Sozialisten Thomas Sankara, bis zu seiner Ermordung am 15. Oktober 1987 ­Präsident von Obervolta, dem heutigen Burkina Faso (Ouagadougou, 15.10.2015)

Panafrikanismus ist eine Bewegung, in deren Zentrum die Idee gemeinsamer Interessen aller Menschen mit afrikanischen Wurzeln steht. Dazu zählen nicht nur jene, die auf dem Kontinent leben, sondern auch jene, die durch Kolonialismus und Sklaverei in andere Weltregionen verschleppt oder dort geboren wurden. Ausgangspunkt dieser Gegenbewegung zum Kolonialismus waren die Zentren der kolonialistischen Mächte. In Großbritannien und den USA entwickelten gut ausgebildete, oft in der Karibik geborene Intellektuelle an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erstmals die Vorstellung, dass alle Menschen afrikanischer Herkunft über gemeinsame Erfahrungen verfügen, die politisch gebündelt werden müssten.

Wer den Begriff »Panafrikanismus« geprägt hat, ist nicht klar. Meist werden der 1832 auf der Karibikinsel St. Thomas geborene Edward Wilmot Blyden oder der knapp 37 Jahre später auf Trinidad zur Welt gekommene Henry Sylvester-Williams genannt. Beiden gemeinsam ist, dass sie in der kolonialen Welt der Karibik aufwuchsen und Ausbeutung, Versklavung und Ungerechtigkeit seit ihrer Kindheit kannten. Beiden gelang es zudem, als junge Männer diesen Verhältnissen zu entkommen und in den USA, Kanada und Großbritannien zu studieren.

Im Juli 1900 fand in London auf Initiative von Sylvester-Williams die erste Panafrikanische Konferenz statt. Mehr als drei Dutzend Personen aus Großbritannien, den USA sowie aus mehreren karibischen und afrikanischen Ländern versammelten sich in der Westminster Town Hall, diskutierten drei Tage lang über Rassismus und Kolonialismus und forderten Unabhängigkeit für die afrikanischen Kolonien sowie politische Rechte für Afroamerikaner. Unter den Teilnehmern der Konferenz befand sich auch der US-amerikanische Bürgerrechtsaktivist und Historiker W. E. B. Du Bois, der später Malcolm X und Martin Luther King beeinflusste. Die Teilnehmer sandten eine Petition an Queen Victoria, in der sie konkrete Verbesserungen der Situation von Afrikanerinnen und Afrikanern in den britischen Kolonien und anderen Einflussgebieten forderten. Vor allem aber gab die Konferenz den Anstoß zu einer Bewegung, die afrikanische Politiker bis heute inspiriert. Unter der Bezeichnung »Panafrikanischer Kongress« fanden mehrere Folgetreffen statt – zuletzt im Jahr 2015 in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Die panafrikanische Idee wurde in den Jahren der Dekolonisierung auch von der »Allafrikanischen Völkerkonferenz« vertieft, die zwischen 1958 und 1961 in Accra, Tunis und Kairo abgehalten wurde.

In diesen Jahren der Dekolonisierung entfaltete die Artikulation gemeinsamer afrikanischer Interessen ihre größte politische Wirksamkeit. Der erste Präsident Ghanas, Kwame Nkrumah, vertrat ebenso panafrikanische Vorstellungen wie der erste Premierminister des Kongo, Patrice Lumumba, oder der erste Präsident des Senegal, Léopold Sédar Senghor. Das politische Projekt einer Kooperation der unabhängigen afrikanischen Länder zur Durchsetzung ihrer Interessen gegenüber den alten und neuen Kolonialmächten führte zwingend zu Konfrontationen. Einige jener afrikanischen Staatsmänner, die panafrikanische Ideen in ihre politischen Strategien aufnahmen, wurden im Auftrag oder mit Unterstützung westlicher Geheimdienste umgebracht. Neben Lumumba ist hier auch der Präsident von Burkina Faso, Thomas Sankara, zu nennen. Einer der letzten afrikanischen Staatsmänner, die eine gesamtafrikanische Strategie einforderten, war Libyens Langzeitpräsident Muammar Al-Ghaddafi. Er wurde während der Bombardierung Libyens durch die NATO im Oktober 2011 ermordet.


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