Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

Null Sterne für Tristan!

Eine Mut- und Geduldsprobe: Wer wird Dschungelkönig bei »Tristan und Isolde« an der Berliner Staatsoper?

Von Maximilian Schäffer
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Am besten man macht die Augen zu: Auf Schallplatte wäre dieser Tristan höchst erfreulich

Die frisch renovierte Staatsoper Unter den Linden zu Berlin ist so etwas wie das neue Dschungelcamp der Hauptstadt. Vor allem wichtige Premierenabende wie der am vergangenen Samstag eignen sich ausgezeichnet, um Prominente in ihrem Gehege zu beobachten. Kriechendes Gewürm ist man hier nicht genötigt zu verspeisen: Die feine Gesellschaft gönnt sich Räucherlachsröllchen auf einer Scheibe Pumpernickel für 14 Euro, dazu gerne eine kleine Flasche Cola, 200 ml für 3,50 Euro. Hervorragend kann man sich am TV-Vorbild orientieren und darauf wetten, welcher Star es wie lange unter der feuchtwarmen Bruthitze der Kultursonne aushält. Sechs Stunden Wagner-Oper sind schließlich kein Pappenstiel. Noch dazu, wenn die Inszenierung ein Totalausfall ist. Wetten, dass Thomas Gottschalk es nicht bis zum Ende aushält?

Die letzte Inszenierung von Richard Wagners »Tristan und Isolde« an der Staatsoper datiert aus dem Jahr 2000. Harry Kupfer, der zusammen mit Daniel Barenboim 1991 in Bayreuth postindustrielle Phantasmagorien ejakulierte, zeichnete damals verantwortlich. Vielleicht kann die Neuproduktion durch den Russen Dmitri Tcherniakov (russ.: Tschernjakow) als trotzige Antwort auf diesen surrealen Bombast verstanden werden. Etwas ratlos ist man nämlich schon, angesichts der drögen Wohnzimmerwelten aus dem Designkatalog, welche sich hinter dem Vorhang verbergen. In entsprechenden Klamotten fläzen die Sänger auf Eames-Sesseln. Tristan und Isolde als Sektchen trinkende Yachtpassagiere – ein Schelm, wer wiederum an die Pausenrealität denkt.

Man könnte die absolute Ereignis- und Regungslosigkeit im ersten Akt noch verzeihen. Schließlich spielt sich die Lieferung Isoldes auf einem Schiff ab und die Programmatik stellt die Hoffnung auf das Ankommen in den Vordergrund. Überfahrten sind zudem meist langweilig und seifenopernhafte Mikrokonflikte nachvollziehbar. Kontrapunktisch wäre Action im zweiten Akt sinnvoll.

Bocklangweilig und völlig ideenlos setzt man aber nach der ersten Pause fort, was schon zuvor für Gähner und finstere Mienen gesorgt hat. Jetzt Salonatmosphäre, weniger Konferenzraum: Holzvertäfelungen wurden durch Wandtapeten im Stil Aubrey Beardsleys ersetzt. Ein assoziativer Wald im Jugendstil. Man sollte das nicht allzu sarkastisch verstehen, denn Tcherniakovs Bühnenbild ist handwerklich einwandfrei gemacht. Es sieht unverschämt teuer aus, ist von Gleb Filshtinsky (Filschtinski) erstklassig ausgeleuchtet und für das Wartezimmer einer Privatarztpraxis wirklich wunderschön. Dreieinhalb Stunden Regungslosigkeit in der Managementetage reichen allerdings nicht einmal für eine Folge »Mad Men«. Man muss sich vor Augen halten (Nike Wagner unterstreicht dies mit gelungenem Text im Programmheft), dass man nach dem zweiten Akt des »Tristan« strukturell eigentlich schon eine ganze Oper gesehen hat. Die Protagonisten haben ihre Kämpfe bereits ausgetragen, das Verhältnis von zwingender Tugend und unlösbar verstricktem Leid ist schon geklärt.

Würde man allerdings jene Inszenierung vor dem dritten Akt abbrechen, könnte von einem handfesten Skandal gesprochen werden. Realismus wird hier zum Synonym für Unbeholfenheit, das Vorhaben emotionaler Zugänglichkeit zur Seifenoper unterster Kategorie. Früher lief Reich und Schön auf Tele 5, hier dümpelt Wagner im ersten Haus am Platz. Ein subtil opaker Zwischenvorhang verleiht dem trüben Unterfangen einen leichten Pastell-Look. Er dient vor allem zur Projektion für eingespielte Videoclips, in denen Isolde und ihr Geliebter in dramatischer Nahaufnahme gezeigt werden. Einige Zuschauer lachen, manche stützen den Kopf vor Fremdscham in die Hände.

Verständlich, dass man nun Wettkönig ist – Thomas Gottschalk wird nach der zweiten Pause nicht mehr auf den Vorzugsplätzen der Wichtigkeitstribüne im ersten Rang gesichtet. Sitzreihen lichten sich. Wer wird als nächster den staatlich subventionierten Klassikdschungel verlassen?

Dritter Aufzug, endlich etwas Abwechslung. Im Designkatalog wurde die Seite zum englischen Landhausstil aufgeschlagen. Neue Wandtapeten, diesmal mit bäuerlichem Aufdruck, dazu ein mondäner Kachelofen aus Gusseisen. Plötzlich steht Tristan auf, wirft Stühle, bricht zusammen, Isolde eilt herbei, stirbt, oder nicht, Menschen gaffen, Lungen kämpfen mit der Partitur, und das Englisch-Horn kommentiert säuselnd vom Bett aus. Nach guten fünf Stunden, als sich die eben genannten Lichtblicke einer bewegenden Aufführung einstellen, ist man leider schon völlig indifferent gegenüber der etwaigen Gefühlswelt der Figuren. Selten war dieses Stück blasser, wenige Inszenierungen auf empörende Weise verschwenderischer im Verhältnis von Aufwand zu Effekt.

Dass bisher kein Wort über die Musik verloren ist, ergibt sich aus der Kontaktlosigkeit von dem, was aus dem Orchestergraben in das akustisch grandiose Haus gespielt wurde, zur Snob-Charade auf der Bühne. Barenboim schleppt die Staatskapelle in recht langsamen Tempi durch das Stück und bleibt dabei scharf bis beißend. Besonders die Bläser kommentieren fortwährend zynisch, so als mochten sie die Inszenierung auch nicht sonderlich, während der Chor sich in Zurückhaltung übt. Auf Schallplatte wäre dieser Tristan ein höchst erfreulicher, bestimmt auch ein hoch audiophiler – am besten macht man die Augen zu und lässt die erstklassigen Kunsthandwerker ihre Arbeit machen. Gesangsleistungen bewegten sich auf durchgängig oberstem Niveau, wobei besonders Andreas Schager in der Titelrolle glänzt. Im dritten Akt vollbringt dieser fast das Wunder, eigenhändig die omnipräsente Lethargie zu durchbrechen und sogar seine Isolde Anja Kampe noch zu expressiven Leistungen hinzureißen. Leider verlässt diese schon etwas zu früh der Mut und mit ihm die Stimme. Lobend erwähnt sei zudem Boaz Daniel, der als Kurwenal mit Startschwierigkeiten kämpft, aber zumindest das Ende zusätzlich mit Leidenschaft anreichert.

Nach gefallenem Vorhang erntet die Musik stürmischen Applaus. Zu Recht donnern im Gegensatz drastische Buhrufe für die Regie durch den Saal. Knapp sechs Stunden Martyrium, nun ist es vorbei. Ein Blick auf die Promitribüne verrät uns den Dschungelkönig. Es ist der 74jährige Exbundespräsident Horst Köhler, er hat die volle Dauer über ausgeharrt und gibt sich staatsmännisch wohlwollend. Respekt, diese Krone hat er sich verdient.

Nächste Vorstellungen: 15.2., 18.2., 25.2., 3.3. (alle ausverkauft)


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