Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 10 / Feuilleton

In einen Sessel fallen

In Dresden werben Kunst und Kultur »für Demokratie« – ob sie die AfD-Wähler erreichen, bleibt fraglich

Von Ralf Richter
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Erinnerung an die Bücherverbrennung 1933: Die Performance »Phlegethon-Milczenie V« der New Yorker Künstlerin Monika Weiss am Dresdener Altmarkt. Phlegeton, ist ein mythologischer Feuerfluss. Milczenie heißt Schweigen auf polnisch

Beeindruckend, experimentell, vielseitig: So will sich Dresdens Kunst- und Kulturszene zeigen und zwar »für Demokratie«. Alles was Rang und Namen hat, die Semperoper, das Staatsschauspiel, die Staatlichen Kunstsammlungen usw., präsentiert seit Sonnabend einhundert Veranstaltungen an zehn Tagen unter dem Motto »Erinnern und Vergessen«. Da haben sich alles in allem 20 Kultureinrichtungen unter der Marke »WOD« versammelt – das steht für das »weltoffene Dresden«, das andere Dresden also – oder das eigentliche?

»WOD« würde es nicht geben ohne »Pegida«, so viel ist klar. Man hat sich was einfallen lassen, um die Dresdner und ihre Gäste um den 13. Februar herum, dem Tag, an dem an die westalliierten Bombenangriffe auf die Stadt vor 73 Jahren erinnert wird, mit deren Vorgeschichte zu konfrontieren.

Im Dresdner Stadtzentrum stößt man auf vier Container in gelber Signalfarbe, die abends obendrein noch Lichtspiele zeigen. Sie stehen an stark frequentierten Plätzen der Stadt, zwischen Zwinger und Staatsschauspiel, zwischen Schloss und Hofkirche, an der Frauenkirche auf dem Neumarkt, am Kulturpalast am Altmarkt. Jeder einzelne Container wird von unterschiedlichen Einrichtungen betreut, gestaltet und bespielt. Aber was heißt »Erinnern und Vergessen«? Im Container am Staatsschauspiel besteht die Möglichkeit, an einer in Dresden produzierten klassischen Made-in-GDR-Erika-Schreibmaschine eine negative Erinnerung in die Tasten zu hämmern. Nachdem man sich das Ganze noch einmal wütend durchgelesen hat, soll man es gleich im nebenan stehenden Aktenvernichter schreddern – und weg ist sie, die negative Erinnerung. Nebenan lässt man sich dann in einen Sessel fallen und lauscht in der Hörstation den angenehmen Erinnerungen von Schauspielern. Jeder ist aufgefordert, anschließend seine eigene schöne Erinnerung aufzusprechen. Was die Organisatoren am Ende damit machen, ob die positiven Rückblicke auf die Homepage des Schauspiels gestellt werden – oder eine Auswahl daraus – und dann von jedem Homepage-Besucher abgehört werden können, das ist bis jetzt noch nicht richtig klar. Im selben Container kann man alternierend auch das arabische Alphabet lernen oder Christine Hoppe, der Tochter des legendären Rolf Hoppe, bei einer Lesung lauschen. Überhaupt warten überall eloquente, engagierte junge Leute auf Besucher.

Das »weltoffene Dresden« zeigte sich auch schon 2015 mit Kunst und Kultur in Containern. Insofern ist das Ganze jetzt eine Neuauflage, nur unter ganz anderen Bedingungen als vor zwei Jahren: Längst ist die AfD stärkste politische Kraft in Sachsen geworden. Und so verwundert es nicht, dass es am Samstag, dem Tag des Beginns der Reihe »weltoffenes Dresden« nicht nur eine Demonstration von Neonazis gab, sondern auch eine der Jugendorganisation der AfD – unter dem Motto »offene Grenzen sind tödlich«.

Zwar rief Oberbürgermeister Dirk Hilbert bei der »WOD«-Eröffnung dazu auf, sich den Rechten entgegenzustellen – doch als es dann soweit war, fehlte er bei den Gegendemonstranten. Am Vormittag hatte er noch gemeinsam mit der sächsischen Staatsministerin für Kunst und Kultur, Eva-Maria Stange (SPD), die »Rückeroberung der Stadt« mit den Mitteln der Kultur gefordert – doch die Courage des Stadtoberhauptes endete dann schon am Nachmittag. Stange hingegen zeigte sich entsetzt darüber, dass »27 Jahre nach der friedlichen Revolution« fast ein Drittel der Sachsen einen Diktator haben wollten, wie die Lokalzeitung Sächsische Zeitung ermittelt haben will.

Man kann viel lernen an diesen Tagen im Dresdner Stadtzentrum, es bleibt aber die Frage, ob das Programm und die Auswahl der Standorte in der Innenstadt tatsächlich geeignet sind, diejenigen anzusprechen, die meinen, mit dieser Demokratie nichts mehr anfangen zu können. Im vergangenen September bei der Bundestagswahl liefen komplette Stadtteile zur AfD über, besonders die großen Wohngebiete am Rande der Stadt, wie Gorbitz und Prohlis. Die Menschen dort leben in ihrer eigenen Informations- und Lebenswelt. Es beschleichen einen leise Zweifel, dass bei der Festivalkonzeption in einer derart emotional aufgeladenen Stadt wirklich daran gedacht wurde. Im Zusammenhang mit den Containern wird auch gern von »geschützten Räumen« gesprochen.

Das Festival ist bis zum 19. Februar zu erleben: Montag bis Freitag von 15.00 Uhr bis 20.00 Uhr, am Samstag und Sonntag von 11.00 bis 19.00 Uhr.


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