Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 5 / Inland

Sich selbst überlassen

Zahl obdachloser Jugendlicher gestiegen. Heimkinder besonders oft betroffen. Stiftung kritisiert mangelnde Finanzhilfe

Von Susan Bonath
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Ohne Lobby: Jugendliche werden zum Spielball von Behörden

Allein gelassen und überfordert. Rund 37.000 Jugendliche leben einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zufolge auf der Straße. Die Stiftung »Off Road Kids« brachte im vergangenen Jahr 511 unter 27jährige unter, fast dreimal so viele wie 2006. Das geht aus ihrer am Montag veröffentlichten Jahresstatistik hervor. Viele dieser jungen Obdachlosen seien in Heimen aufgewachsen und rutschten ab, kaum dass sie volljährig und auf sich gestellt sind, sagte Vorstandssprecher Markus Seidel im Gespräch mit junge Welt. »Sie werden fallengelassen, weil Heimkinder in Deutschland keine Lobby haben«, kritisierte er. Das liege vor allem an der dauerhaft unterfinanzierten Jugendhilfe.

Klamme Kommunen, die Hilfe verwehren, weil sie sparen sollen: Die Stiftung beklagt das Problem seit langem. Eigentlich, meint Seidel, »haben wir ein gutes Jugendhilfegesetz«. Das müsse nur umgesetzt werden, fordert er. Danach stehe jungen Menschen mit spezifischen Problemen bis zum 27. Lebensjahr besondere Hilfe zu. Dementgegen verwiesen die Behörden oft auf sogenannte »Kann-Regeln«. Das sei aber falsch, »denn die Hilfe soll laut Gesetz geleistet werden«, widersprach Seidel. Hinzu komme, dass jede Kommune das Gesetz anders auslege. Werde beispielsweise ein Jugendlicher einem anderen Kreis zugeordnet, weil die Eltern umgezogen sind, fielen nicht selten bisher gewährte Hilfen weg.

Seidel gibt der Politik die Hauptschuld: Die Stiftung habe die Probleme etwa der damals amtierenden Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) vorgetragen. Geschehen sei nichts. »Im Gegenteil: Man hat darüber beraten, das Gesetz weiter aufzuweichen«, monierte er. Die Verantwortlichen in Berlin würden seit vielen Jahren bekannte Missstände nicht beheben. »Nicht einmal die übelsten Missbrauchsfälle in Kinderheimen, die zuletzt bekannt geworden sind, sorgen für ein Einsehen«, kritisierte Seidel.

Viele Jugendliche haben ähnliche Geschichten hinter sich, wie Seidels Kollegin Margarete Steinhart gegenüber jW ausführte. Sie kämen in Heime, die sie an ihrem 18. Geburtstag in eine eigene Wohnung steckten. »Werden sie vorher gefragt, ob sie das wollen, stimmen sie natürlich zu«, sagte Steinhart. Doch dann sei niemand mehr da, wenn sie scheiterten. »Sie sind überfordert mit den Behörden, den Anträgen, kommen mit ihrem Geld nicht klar, verschulden sich und verlieren den Halt und die Wohnung«, so Steinhart.

Sie weiß: Wer bei »Off Road Kids« um Hilfe bittet, »hat in der Regel schon sehr viele Probleme angehäuft«. Viele hätten bereits jeglichen Kontakt zu Behörden und Eltern abgebrochen, gingen weder zur Schule noch einer Ausbildung nach. Die meisten Betroffenen fielen gar nicht auf, solange sie nicht unter Brücken schlafen. Die Stiftung spricht von entkoppelten Jugendlichen in verdeckter Obdachlosigkeit. Sie hat ihre Arbeit jetzt teilweise auf das Internet verlagert. Gut ein Fünftel der Betreuten meldete sich laut Seidel über das Internetportal der Stiftung, »Sofahopper«. Manchen helfe die Anonymität, überhaupt Hilfe zu suchen.

Zudem betreibt »Off Road Kids« Streetwork-Stationen in Berlin, Hamburg, Köln und Dortmund. In den großen Städten summiert sich Elend. Allerdings seien die Hilfsangebote in ländlichen Regionen keinesfalls besser als dort. »Eher das Gegenteil ist der Fall«, resümierte Seidel. In Dortmund stieg die Zahl der Hilfesuchenden seit der Einführung von Hartz IV im Vergleich der vier Städte am stärksten. 2016 betreute die Stiftung dort 325 Betroffene, neunmal so viele wie zehn Jahre zuvor. Letztes Jahr waren es mit 191 erstmals wieder weniger.

In Hamburg hatte sich die Zahl obdachloser Jugendlicher von 2006 bis 2012 zunächst auf 126 versechsfacht, seitdem ging sie nach und nach auf 61 im Jahr 2017 zurück. In Köln brachten die Streetworker knapp 100 Jugendliche unter, etwa 50 Prozent mehr als 2006. In Berlin suchten zuletzt 39 Jugendliche Hilfe, 2006 waren es 57. Insgesamt war etwa jeder zehnte Betroffene minderjährig. Verlässliche Zahlen über das tatsächliche Ausmaß der Jugendobdachlosigkeit gibt es aber nicht. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein.


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