Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

Eine simple Rechnung

Welchen Wert hat ein Menschenleben? Ein Dokumentarfilm über den US-Entschädigungsspezialisten Kenneth Feinberg

Von Bernd Müller
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Spezialist für unmoralische Angebote: Staranwalt Kenneth Feinberg

Kenneth »Ken« Feinberg hat keinen einfachen Job. Wann immer in den USA eine große Katastrophe Menschen verzweifeln lässt, wird er gerufen. Feinberg ist Amerikas berühmtester Spezialist für Entschädigungen. Er verwaltet extra dafür bereitgestellte Fonds. Welche Summen erhalten Opfer und Hinterbliebene? Welchen monetären Wert hat ein Menschenleben? Darüber entscheidet Feinberg, und dafür wird er von manchen bewundert, von anderen gehasst.

Die jetzt in deutschen Kinos angelaufene Dokumentation »Playing god« zeigt mehr als die Geschichte eines bisweilen allmächtig wirkenden Mannes. Sie wirft einen Blick auf ein Rechtssystem, das für viele kaum noch Gerechtigkeit zu bieten hat. Wer auch nur einen Cent von Feinberg annimmt, verzichtet dauerhaft auf sein Recht, in der jeweiligen Sache ein Gericht anzurufen. Und nur die wenigsten können es sich leisten, auf sein Geld zu verzichten.

So geschehen nach der wohl größten Ölkatastrophe der Geschichte im Golf von Mexiko. Der Ölkonzern BP hatte 20 Milliarden Dollar für Entschädigungen bereitgestellt. Feinberg sollte sie auszahlen und tat es in rund 550.000 Fällen. Geholfen hat es den Fischern und ihren Familien kaum. Regisseurin Karin Jurschick besucht einige von ihnen und hält deren Lebenssituation fest. Die Ölpest hat die Bestände von Shrimps und Austern drastisch reduziert, doch die haben sich auch Jahre später nicht erholt. Die verarbeitenden Betriebe stehen still, die Region ist verarmt. 20.000 Dollar hatte Feinberg den Fischern geboten. In der Hoffnung, dass es bald wieder bergauf geht, nahmen die allermeisten das Geld an. Aber es ging nicht bergauf, und das Geld war nach einem Jahr aufgebraucht.

Während die Fischer seitdem auf Sozialleistungen angewiesen sind, hat sich BP mit der Einmalzahlung von der Verantwortung für die Langzeitschäden freigekauft. Feinberg betont zwar, dass die Menschen zu ihm kommen könnten, wenn der Schaden größer geworden ist als anfangs gedacht. Doch als ein lokaler Vertreter der Fischer in seinem Büro sitzt und ebendies geltend machen will, bügelt Feinberg dessen Begehren elegant ab. Dass sich die Shrimpsbestände durch die Ölpest auch nach Jahren nicht erholt hätten, müssten die Fischer erst nachweisen. Immerhin könnte es auch andere Ursachen geben. Ernüchtert und desillusioniert verlässt der Fischer das Büro.

Auch in einem anderen Fall wird deutlich, dass das System der Entschädigungsfonds in den USA dazu dient, die Interessen von Konzernen zu schützen. Kurz nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 verabschiedete der US-Kongress ein ungewöhnliches Gesetz: Um die amerikanischen Fluggesellschaften vor Zivilprozessen zu schützen, legen die Politiker einen milliardenschweren Fonds auf. Aus diesem sollen die Angehörigen aller Opfer entschädigt werden, wenn sie auf den Gang zum Gericht verzichten. Feinberg wird von US-Präsident George W. Bush persönlich zum alleinigen Entscheider über alle Entschädigungssummen ernannt.

Welchen Wert hat ein Menschenleben? Für Feinberg ist das eine einfache Rechnung mit zwei Variablen, dem Alter der Person und dem Einkommen. Daraus lässt sich der wirtschaftliche Schaden aus dem Tod des Menschen leicht eruieren. Sein ­Rechenmodell stößt bei vielen Opferangehörigen auf Entsetzen. Für viele Rentner ist der Jurist dagegen eine große Hoffnung. Ein Rentenfonds steht kurz vor der Pleite, und das Management will ihn retten, indem die Renten der Arbeiter um rund 60 Prozent gekürzt werden sollen. Das geht aber nur mit Zustimmung des Finanzministeriums, und das beauftragt Feinberg mit einer Expertise.

Auch hier gelingt es Regisseurin Jurschick, die Sichtweisen der Betroffenen anschaulich dem berechnenden Vorgehen des Experten gegenüber zu stellen. Nach dem Ende ihres Arbeitslebens stehen die Rentner plötzlich vor dem Nichts, jegliche finanzielle Sicherheit hat sich aufgrund von Spekulationen der Fondsmanager an der Wall Street in Luft aufgelöst. Es sind wohl die emotionalsten Momente des ganzen Films. Feinbergs Entscheidung gegen die Rentenkürzung wird von den Betroffenen begrüßt. Aber er weiß, dass die Alterssicherungen dadurch nicht gerettet wurden. Weil der Staat die privaten Rentenkassen im Ernstfall nicht in entsprechendem Maße stützen kann, ist der Bankrott unvermeidlich – nur eben fünf oder sechs Jahre später. Feinberg, der den Wert eines Menschenlebens bestimmen konnte, gibt zu, dass er hier an seine Grenzen stößt: Gegenüber einem kranken System ist auch er machtlos.

»Playing god«, Regie: Karin Jurschick, BRD 2017, 95 min, bereits angelaufen


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