Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Steigende Zinsen

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise
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Abstürze an der Wall Street werfen die Frage auf: Platzt jetzt die Spekulationsblase an den Aktienmärkten?

So sieht eine kleine Schwächephase am Aktienmarkt aus. Die Kursgewinne des noch jungen Jahres 2018 sind bereits eliminiert oder, weniger geschwollen ausgedrückt, schon wieder weg. In der vergangenen Woche verlief die Abwärtstendenz (-entwicklung?) in zwei Schüben: Am Montag und Donnerstag. Das spricht dafür, dass es nicht der reine Zufall ist, der die Börse schwächer werden lässt. Vermutlich haben die vielen Anlageberater, Analysten und sonstigen Börsenprofis recht, wenn sie die Ursache – absurderweise – in der langsam verbesserten Wirtschaftslage in den zentralen Ländern des Kapitalismus verorten. Sogar die EU-Staaten scheinen sich aus der Stagnation gelöst zu haben. Ihr BIP-Wachstum erreicht um die zwei Prozent. Und sogar die Arbeitslosigkeit, die gemessene und ein wenig auch die reale, scheint – nicht nur in Deutschland – zurückzugehen.

Die Gewinne der Unternehmen sind allerdings schon seit langem kräftig in Schwung. Die gestiegenen Profite waren der wichtigste Grund für den Anstieg der Aktienkurse weltweit seit 2009. Innerhalb der verrückten Welt der Spekulation ist das wenigstens ein Hauch von Rationalität. Eine Aktie verspricht einen Anteil am Gewinn des Unternehmens. Bei steigendem Gewinn ist der Anleger deshalb geneigt, mehr für das Wertpapier Aktie zu zahlen. Signalisiert der aktuelle Rückgang der Kurse, dass die Gewinne bald schrumpfen oder wenigstens im Durchschnitt nicht mehr steigen werden? Vermutlich nicht. Vielmehr dürfte der zweite, fast ebenso wichtige Grund für den zehnjährigen Anstieg der Aktienpreise gerade schwinden: Wer am Finanzmarkt Geld anlegt, hat im Prinzip zwei Möglichkeiten: Aktien oder festverzinsliche Anleihen. Letztere und besonders Staatsanleihen gelten – von Finanzkrisen abgesehen – als sichere Anlagen. Aktien dagegen sind risikobehaftet. Die Dividende kann gesenkt werden oder ausfallen, das Unternehmen pleite gehen. Der erwartete Gewinn einer Aktie wird immer mit dem Zins verglichen, den die Anleihe als festes Versprechen gewährt. Ist dieser Zins niedrig, wird die Aktie attraktiver. Die niedrigen Zinsen seit der Finanzkrise haben die Aktienkurse befeuert und den Aktienindizes bis Januar 2018 neue Rekorde beschert. Die Zinsen bzw. Renditen der US-Staatsanleihen sind in den letzten beiden Wochen recht kräftig gestiegen. Ganz wie in den Börsenhandbüchern beschrieben, hat sich das am Aktienmarkt in einem kräftigen Rückschlag ausgewirkt.

Drittens könnten steigende Zinsen für die Unternehmen die Finanzierung der Investitionen etwas teurer machen, und ganz am Ende wäre es denkbar, dass mit der gelinden wirtschaftlichen Erholung sogar ihre Lohnkosten wieder steigen. Das ist alles, wie an der Börse üblich, im Konjunktiv formuliert. Weder ist der Konjunkturaufschwung gesichert noch der Anstieg der Zinsen. Am wenigsten wahrscheinlich ist eine Wende zu real steigenden Löhnen. Die Anlageberater glauben schon aus beruflichen Gründen nicht an den tiefen Absturz der Aktienpreise. Wahrscheinlich haben sie recht. Auch lehrt die Erfahrung, dass ein zu starker Einbruch am Aktienmarkt von Zentralbank(en) und Regierung(en) nicht lange toleriert und statt dessen noch mehr Geld in den Finanzmarkt gedrückt wird.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main


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