Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 8 / Ansichten

Enterbter Sohn des Tages: Gabor Steingart

Von Simon Zeise
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Der Herausgeber des Handelsblatts, Gabor Steingart, war wie ein Sohn für Verleger Dieter von Holtzbrinck. Er hatte ihn vom Posten als Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros weggelotst, beteiligte ihn mit drei Prozent an der Holtzbrinck-Verlagsgruppe und ließ ihn Geld verprassen: Steingart gründete das Handelsblatt Research Institute, warf das Hochglanzmagazin Wirtschaftswoche auf den Markt und lud in den hauseigenen »Wirtschaftsclub«. Er sollte frischen Wind in das verstaubte Unternehmen bringen.

Doch im Zuge dessen wehte Ärger ins Haus. Steingart ist einer, der schneller formulieren kann, als es die Fakten zulassen – außer Thesen nichts gewesen. Holtzbrinck sah das nicht gern. Am Mittwoch wurde es ihm zuviel. Im allmorgendlichen Newsletter, dem Handelsblatt Morning Briefing, hatte Steingart über die Kabale in der SPD hergezogen.

Innerhalb der Partei habe »ein bizarrer Machtkampf« begonnen. »Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen.« Das Duell werde nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im verborgenen. Schulz habe den »Mord« an Gabriel »minutiös geplant«, schrieb Steingart: »Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen.«

Offensichtlich lag Steingart falsch: Am Freitag warf Schulz hin. Und auch der Holtzbrinck-Sohn wurde enterbt. Papi entschuldigte sich schriftlich beim am Mittwoch noch als Außenminister gehandelten Schulz. Steingart ist seinen Posten los. Der Staub legt sich wieder über das Handelsblatt.


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