Aus: Ausgabe vom 13.02.2018, Seite 6 / Ausland

Dem Eukalyptus geopfert

Galiciens Ringen um Selbstbestimmung ist auch ein Ringen um den Schutz der Umwelt

Von André Mauricio
Waldbraende_in_Spani_55039042.jpg
Immer wieder suchen verheerende Waldbrände die Gegend um Pontevedra heim, hier im vergangenen Oktober

In Galicien könnten inzwischen mehr Eukalyptusbäume gepflanzt worden sein als in Australien, das bisher als weltweiter Spitzenreiter galt. Diese Einschätzung publizierte Anfang Januar die regionale Tageszeitung El Correo Gallego. Mehr als 700.000 Hektar sind in der autonomen Region in Spanien diesem Zweck gewidmet, mehr als 80 Millionen Eukalyptusbäume wachsen dort. Das ist die dreifache Menge dessen, was sich die galicischen Regierungen als absolute Obergrenze gesetzt hatten.

Der Eukalyptusanbau bedeutet nicht nur eine ökologische Verarmung der Ressourcen und übermäßigen Wasserverbrauch. Die Bäume fangen auch sehr leicht Feuer und stellen so Zeitbomben dar. Jahr für Jahr fordern die Waldbrände in Galicien Menschenleben. Doch die unter der Franco-Diktatur errichtete Zelluloseindustrie soll am Leben erhalten werden. Seit sechs Jahrzehnten ist der spanische Konzern ENCE so der Hauptverursacher von Verschmutzungen in der Meeresbucht Ría de Pontevedra. Die Gewinne der Industrie wandern in die Zentren Spaniens, in Galicien bleiben vergiftete Luft und verunreinigtes Wasser.

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Galicien als die ärmste Region an der europäischen Atlantikküste in kolonialer Abhängigkeit gehalten wird. Doch es gibt Widerstand. An dessen Spitze steht die Stadtverwaltung von Pontevedra, das in besonderem Maße ein Opfer der zerstörerischen Industrie ist. Seit 1999 wird es vom Galicischen Nationalistischen Block (Bloque Nacionalista Galego, BNG) und Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores gemeinsam mit den Einwohnervereinigungen der Stadt regiert.

Der BNG ist der politische Arm der galicischen Souveränitätsbewegung. Als einzige Partei tritt er für das Recht auf Selbstbestimmung und den Aufbau einer Republik Galicien ein. Nur so könnten die strukturellen Probleme gelöst werden, die eine Folge der aufgezwungenen kolonialen Abhängigkeit sind. Seit 200 Jahren blute die Region aus, weil die Menschen angesichts der Wirtschaftslage zur Emigration gezwungen seien.

Vor diesem Hintergrund erinnert die Souveränitätsbewegung an den im kommenden November zu begehenden 100. Jahrestag der I. Nationalistischen Versammlung von Lugo. Sie war der letzte große Versuch Galiciens, selbstbestimmt über seine Zukunft zu entscheiden. Die Teilnehmer der Konferenz waren unter anderem Pioniere des Umweltschutzes und forderten die Wiederaufforstung der Wälder, die fast vollständig für den Schiffsbau der spanischen Kriegsmarine gerodet worden waren. Sechs Jahre vor der Verabschiedung der Verfassung der Sowjetunion, die die sozial fortschrittlichste ihrer Zeit war, forderte die Versammlung von Lugo vom spanischen König Alfonso XII. die rechtliche Gleichstellung der Frauen. Zudem sollten Eisenbahn und Banken der Kontrolle der Gesellschaft unterstellt werden. Die Versammlung forderte zudem die Gleichstellung des Galego, der galicischen Sprache, in der Gesellschaft. Erst 60 Jahre später, nach dem Ende der Franco-Diktatur, gelang es zumindest an den Schulen, ein Mindestmaß an Normalität herzustellen und den Unterricht in der Muttersprache der Galicier zu ermöglichen.

100 Jahre später und nach Jahrzehnten der Diktatur und einer Demokratie, die dazu entworfen wurde, die peripheren Nationen des Staates zu unterdrücken, befinden wir uns an einem Schlüsselmoment der Geschichte. Nur der Kampf für die Selbstbestimmung der Völker ist in der Lage ist, den Status quo zu überwinden. Aus diesem Grund unterstützt der BNG die demokratische Forderung Kataloniens, selbst entscheiden zu dürfen, was es sein will. Für uns ist klar: Jedes unserer Länder muss zum Grab des Faschismus werden. Deshalb stehen wir als Internationalisten und Antiimperialisten an der Seite der Katalaninnen und Katalanen und aller Völker der Welt.

Unser Autor ist Journalist, aktiv im Bloque Nacionalista Galego und lebt derzeit in Barcelona


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Volker Wirth: Kampf um Selbstbestimmung So wie in den frühen Jahren des britischen Kapitalismus die schottischen Bauern den Schafen, so mussten also in den hoffentlich letzten Jahren des spanischen Kapitalismus die galicischen Bauern und Hi...

Regio:

Mehr aus: Ausland