Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 7 / Ausland

Wieder Luftangriffe auf Afrin

Türkei setzt Aggression in Nordsyrien fort. USA verteidigen Attacke auf Damaskus-treue Milizen vom Mittwoch

Von Nick Brauns
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Schatten eines protürkischen Dschihadisten am 8. Fabruar in Al-Bab

Nach einer fünftägigen Pause hat die türkische Luftwaffe in der Nacht zum Freitag wieder Angriffe auf den kurdischen Kanton Afrin in Nordsyrien geflogen. Bombardiert wurden Wohngebiete im Zentrum von Afrin-Stadt sowie eine Reihe von Dörfern. Dabei kamen nach Angaben der örtlichen Behörden ein 70jähriger Mann und eine 50jährige Frau ums Leben.

Am Donnerstag hatte die türkische Tageszeitung Cumhuriyet noch berichtet, dass Russland den Luftraum über Afrin gesperrt habe. Dies sei eine Reaktion auf den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch den syrischen Al-Qaida-Ableger Haia Tahrir Al-Scham (HTS, früher Nusra-Front genannt) am Samstag in der Nachbarprovinz Idlib gewesen. Zu Wochenbeginn hatte die syrische Armee zudem neue Luftabwehrsysteme in den Regionen Aleppo und Idlib stationiert. Zwar hatte ein hochrangiger Kommandeur der syrischen Armee erklärt, dass die Raketen eine »Botschaft an alle« seien, doch tatsächlich richtete sich diese in erste Linie an Ankara. Die türkische Armee nutzt ihr Mandat zur Beaufsichtigung einer »Deeskalationszone« in Idlib vornehmlich dazu, ihre schützende Hand über die HTS zu halten. Die syrische Regierung, deren Truppen derzeit eine von der russischen Luftwaffe unterstützte Großoffensive gegen die HTS durchführen, ist mit der von ihren Verbündeten Russland und Iran im Astana-Abkommen ausgehandelten Präsenz der türkischen Armee im Norden Syriens entsprechend unzufrieden. So wurde zu Wochenbeginn mindestens ein türkischer Soldat getötet, als syrische Artillerie das Feuer auf einen von den ausländischen Truppen neu errichteten Beobachtungsposten südlich von Aleppo eröffnete.

Trotz aller Spannungen mit den auf eine Föderalisierung Syriens bestehenden kurdischen Selbstverwaltungskantonen hat die Regierung in Damaskus kein Interesse daran, Afrin unter die Kontrolle der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Söldnertruppen geraten zu lassen. Kräfte der syrischen Regierung ließen deshalb mehrfach Verstärkung für die Verteidiger von Afrin über eine von ihnen kontrollierte Straße passieren. So konnten in den letzten Tagen über diesen Korridor Kämpfer des »Militärrates der christliche Assyrer« ebenso nach Afrin gelangen wie ein Solidaritätskonvoi mit 2.000 »zivilen Unterstützern« der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG. Nach der Ankunft der Gruppe paradierten junge Frauen demonstrativ mit Kalaschnikow-Sturmgewehren durch die Straßen.

US-Verteidigungsminister James Mattis rechtfertigte derweil am Donnerstag (Ortszeit) in Washington die Luftanschläge auf »Pro-Regime-Kräfte«. Es habe sich um einen »Akt der Selbstverteidigung« nach einem Überraschungsangriff auf das Hauptquartier der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) östlich des Euphrat gehandelt. Die US-geführte Koalition habe aber kein Interesse an einem größeren Konflikt mit der syrischen Seite, versicherte Mattis. Die Koalition habe die ganze Zeit über Kontakt mit den russischen Streitkräften gehabt, ergänzte Pentagon-Sprecherin Dana White.

Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, es habe sich um eine »Aufklärungsoperation« einer syrischen Miliz gegen eine »Gruppe von Banditen« in der Nähe einer Ölraffinerie gehandelt. Dabei sei sie plötzlich unter das Feuer der US-geführten Koalitionskräfte geraten. Dieser Vorfall zeige erneut, dass die wahre Intention der USA nicht länger der Kampf gegen den IS-Terrorismus sei, sondern die Besetzung und Kontrolle der ökonomischen Ressourcen des Landes. Die regierungstreue Miliz habe ihre Operation aber ohne Absprache mit Russland durchgeführt, beteuert das Verteidigungsministerium in Moskau zugleich.


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