Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Nicht mehr Wärter, sondern weniger Häftlinge«

Seit dem 15. Januar wird in den Gefängnissen Floridas gestreikt. Gespräch mit Karen Smith

Von J. White, Workers World
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Solidarität mit den Inhaftierten: Die IWOC kämpft gegen Zwangsarbeit hinter Gittern

Was sind die Gründe für den Streik?

Der Streik ist Ausdruck der Gefangenenbewegung, die seit dem landesweiten Ausstand vom 9. September 2016 – begonnen am Jahrestag der Knastrebellion in Attica 1971 – an Stärke zugenommen hat. Heute sind die Gefangenen besser organisiert. Die Aktion 2016 war spontaner, aber durch sie wurden weitere Gefangene mobilisiert. Die Situation in den Knästen ist aktuell sehr angespannt, und diese Frustration soll jetzt in eine langfristige Strategie verwandelt werden. Im November haben sich die Initiatoren der »Operation PUSH« hilfesuchend an Gruppen wie das IWOC gewandt. Ihren Forderungskatalog haben wir dann unter den Leuten draußen und über die Medien verbreitet. Die Post- und Telefonkontrolle in den Knästen ist äußerst streng, deshalb sind die Streikenden auf unsere Unterstützung von draußen angewiesen.

Wieso haben sich die Gefangenen gerade jetzt zum Handeln entschlossen?

Der Druck auf die Menschen drinnen und draußen wächst: Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Konzerne, die aus allem ihre Profite herausquetschen. In Florida sind die Gefängnisse überbelegt, das Essen ist ungenießbar, es gibt zu wenig Personal. Gebraucht werden aber nicht mehr Wärter, sondern weniger Häftlinge. In den Gefängnisläden ist alles viermal so teuer wie im Einzelhandel draußen. Die brutale Gewalt, der die Gefangenen ausgeliefert sind, ist atemberaubend. Florida hat die zweithöchste Todesrate in US-Gefängnissen und die dritthöchste Häftlingsrate im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Von drei afroamerikanischen Männern sitzt einer hinter Gittern. Misshandlungen durch die Wärter sind an der Tagesordnung. Über den Knast von Lake Butler kam heraus, dass Ku-Klux-Klan-Mitglieder unter den Gefängniswärtern planten, Insassen umzubringen. Ein Gefangener wurde in der Dusche mit kochendheißem Wasser verbrüht, bis er starb.

In welchem Verhältnis steht der Kampf der Gefangenen zu Bewegungen wie »Black Lives Matter« und zum Kampf gegen Polizeigewalt und für die Rechte der Mi­granten?

Diese Bewegungen sind alle miteinander verbunden. Das Buch »The New Jim Crow« von Michelle Alexander, das in den Haftanstalten verboten ist, entlarvt die rassistische Rolle des US-Gefängnissystems und das dort geschaffene System der Sklavenarbeit. Die Sklaverei wurde in den USA zwar 1865 abgeschafft, seit 1868 erlaubt jedoch der 13. Zusatzartikel der Verfassung die Zwangsarbeit für Gefängnisinsassen.

Welche Informationen sind seit Beginn des Streiks nach draußen gedrungen?

Wir wissen von Streikaktivitäten in 17 Knästen. Teilnehmer wurden isoliert und verhört, ihnen wird mit Repressalien gedroht, wenn sie weiterhin Kontakt zu Unterstützungsorganisationen halten. Gegen sie laufen Disziplinarverfahren, weil sie »die Sicherheit der Anstalt« gefährden. Sie werden als Bandenmitglieder abgestempelt, und dann ermittelt die Spezialeinheit »Security Threat Group« gegen sie. Wer als Streikführer gilt, wird sofort isoliert oder verlegt. Das Telefonieren mit Angehörigen wurde verboten. Streikende Knastarbeiter werden durch neue Häftlinge ersetzt, die ihre Arbeit übernehmen. Damit soll das Ziel des Streiks unterlaufen werden, die Forderungen durch stetigen ökonomischen Druck durchzusetzen, im Gegensatz zu den eher spontanen Aufständen in der Vergangenheit.

Nehmen weibliche Häftlinge am Streik teil?

Ja, im Frauenknast von Lowell, Marion County. Für sie ist es noch schwieriger, Kontakt nach draußen aufzunehmen. Während des letzten Hurrikans gab es in Lowell schreckliche Zustände, die Frauen waren tagelang ohne Trinkwasser. Dann wurden sie gezwungen, die Sturmschäden in der unsicheren, giftigen Umgebung ohne entsprechende Ausrüstung zu beseitigen.

Was würden Sie Unterstützern draußen mitteilen?

Wichtig ist, dass dieser Kampf an Stärke zunehmen soll. Er ist Teil einer geplanten einjährigen Organisierungsstrategie. Am Gedenktag für Martin Luther King jr. haben die Gefangenen »losgelegt«. Wir müssen nun von draußen unseren Beitrag leisten, dass der Kampf bekannt wird und weitergeht.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Karen Smith arbeitet für das Incarcerated Workers Organizing Committee (IWOC)


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