Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 1 / Titel

Ein sehr teures Kühlhaus

Nordkorea reist nach Südkorea, die USA sind beleidigt, und Russland wird gedemütigt: Die Olympischen Kommerzspiele sind eröffnet

Von Stefan Malta
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Aufpassen, dass es nicht zu billig wird – eine Angehörige der Olympia-Security in Pyeongchang

Pünktlich zur Eröffnung der XXIII. Olympischen Winterspiele in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang haben die USA erklärt, den Druck auf den Nachbarstaat Nordkorea weiter erhöhen zu wollen. Der nach Pyeongchang gereiste US-Vizepräsident Michael Pence sagte am Freitag, der südkoreanische Staatschef Moon Jae In stimme mit den USA überein, dass es weitere Sanktionen gegen den schon isolierten Staat geben müsse, sollte er an seinem militärischen Atomprogramm festhalten.

Nordkorea aber verhält sich friedlich. Am Freitag traf eine offizielle Delegation des Landes in Pyeongchang an, angeführt vom nominellen Staatsoberhaupt Kim Yong Nam. Mit dabei ist auch Kim Yo Jong, die Schwester des nordkoreanischen Parteichefs und »Obersten Führers« Kim Jong Un. Sie ist in Nordkorea Direktorin des Ministeriums für Propaganda und Agitation. US-Vizepräsident Pence wollte mit beiden Politikern nicht sprechen. Am Freitag verließ er nach nur fünf Minuten den Empfang, den Südkoreas Präsident Moon für die ausländischen Staatsgäste organisiert hatte, weil er mit den Nordkoreanern an einem gemeinsamen Tisch hätte sitzen sollen.

Den ersten olympischen Wettbewerb, die direkte Diplomatie vor Ort, hat Nordkorea also klar gewonnen. Das zweistündige Eröffnungsprogramm hieß passenderweise »Frieden in Bewegung«. Politischer Verlierer waren die USA, eine der großen Wintersportnationen. Ein weiterer Verlierer stand vorher schon fest: Russland, dessen Sportler aufgrund von Dopingvorwürfen nur unter neutraler Flagge antreten dürfen.

Auch wenn jeder weiß, dass der moderne, durchkommerzialisierte Leitungssport ohne Doping in der einen oder anderen Form nicht denkbar ist: Allein Russland wird dafür sanktioniert – aus rein politischen Gründen im Rahmen der antirussischen Kampagne westlicher Staaten. Doch 169 feierlich für »sauber« erklärte russische Athleten dürfen an den Winterspielen teilnehmen. Die Klagen weiterer russischer Wintersportler, darunter frühere Weltmeister und Medaillengewinner, doch noch in Pyeongchang antreten zu dürfen, wurden kurz vor der Eröffnung noch vom Internationalen Sportgerichtshof CAS abgeschmettert – auch wenn der ihnen in der vergangenen Woche individuelle Unschuld bescheinigt hatte.

Der CAS will es sich nicht mit dem IOC verscherzen, das neben dem Fußballweltverband FIFA einer der rücksichtslosesten Sportkonzerne der Welt ist. Schon im Vorfeld der Winterspiele hat das IOC als Organisator mit der Vergabe von Fernseh- und Marketingrechten rund fünf Milliarden Euro verdient. Ausrichter Südkorea bleibt auf den Kosten, die auf elf Milliarden Euro geschätzt werden, ebenso sitzen wie auf seinen neuen Arenen, Pisten und Loipen, die ohne Winterspiele sinnlos sind. Trotzdem wurden für die neue alpine Skipiste 60.000 Bäume gefällt, manche davon 500 Jahre alt. Für das neue Eisschnellaufoval (Baukosten: 100 Millionen Euro) gab es den Vorschlag, es nach den Spielen in ein Kühlhaus für Fischfang umzuwandeln. Die Haupttribüne des neuen Olympiastadions soll nach nur vier Veranstaltungen (jeweils die Eröffnungs- und Schlussfeiern der Olympischen und Paralympischen Spiele) in ein Museum umgewandelt werden. Der Rest wird – wie 1992 in Albertville – direkt wieder abgerissen. Als offenes Geheimnis gilt: »Wintersport ist unserem Land nicht so populär«, wie es Chul Sin Park, der in der Provinz Gangwon für die olympischen Hinterlassenschaften zuständig ist, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP formulierte.


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