Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 10 / Feuilleton

Psychogramm der Verheizten

Ein Buch über den US-Veteran Marlin McDade, der in Vietnam Sühne sucht

Von Gerd Bedszent
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Erst im Lazarett lernte der US-Soldat Marlin McDade, wie sehr sein Land in Vietnam gewütet hatte

Das Desaster hätte nicht größer sein können: Der Krieg, den die USA in den 60er und 70er Jahren in Vietnam und angrenzenden Staaten Südostasiens führten, wurde zur größten politischen und militärischen Niederlage der Supermacht im 20. Jahrhundert. Trotz waffentechnischer Überlegenheit und des Einsatzes von Hunderttausenden Soldaten konnte das kommunistisch regierte Nordvietnam nicht niedergerungen, der Vormarsch der Befreiungsbewegung im Süden nicht gestoppt werden. Als Präsident Richard Nixon schließlich unter dem Druck der Weltöffentlichkeit und der eigenen Bevölkerung das US-Militär zurückzog, endete der Versuch, den Krieg mit einheimischen Hilfstruppen weiterzuführen, nach ganz kurzer Zeit mit den Zusammenbruch des Marionettenregimes im Süden.

Wie kam es dazu? Der italienische Journalist Luca Pollini meint, dass der Krieg nicht in erster Linie auf dem Schlachtfeld entschieden wurde, sondern in den Köpfen der beteiligten Soldaten. Pollini schildert im jetzt auch auf Deutsch vorliegenden Band »Rückkehr nach Vietnam« den Krieg aus der Sicht des US-Soldaten Marlin McDade. Die dem Buch zugrundeliegende Geschichte ist wahr. Pollini hat McDade 2016, also Jahrzehnte nach dem Krieg, in Vietnam kennengelernt und mit ihm ein längeres Interview geführt.

McDade stammt aus einer stockkonservativen Kleinstadt im mittleren Westen der USA, Vater und Großvater waren hochdekorierte Veteranen der US-Streitkräfte. Nach Vietnam ging er in der Überzeugung, seinem Land zu dienen und das verbündete Südvietnam vor einer kommunistischen Invasion zu beschützen. Argumente von Kriegsgegnern prallten an ihm ab, Pazifisten waren in seinen Augen Drückeberger. Mit der damals aufkommenden Hippiebewegung konnte er nichts anfangen, fuhr auch nicht zum legendären Musikfestival nach Woodstock, obwohl er es gekonnt hätte. Trotz der zahlreichen Greuel, die vor seinen Augen stattfanden, blieb er auch dann noch bei seiner Überzeugung, als der Krieg in Vietnam bereits entschieden war und die US-Truppen sich auf dem Rückzug befanden. Erst als er verwundet in einem Lazarett lag, begann er unter dem Einfluss seiner ihn behandelnden vietnamesischen Ärztin die Wirklichkeit des Landes zu begreifen, an dessen Zerstörung er zuvor mitgewirkt hatte.

Der schmale Band vermittelt den Lesern nicht nur zahlreiche Informationen über diesen aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend entschwundenen Krieg und die Verbrechen der beteiligten US-Militärs. Es bietet auch ein gelungenes Psychogramm der Soldaten, die damals von ihrer Regierung verheizt wurden. Nicht nur ein Großteil der US-Bevölkerung forderte schließlich ein Ende des Krieges. Auch immer mehr Soldaten konnten das, was sie taten, nicht mehr verarbeiten, begingen Selbstmord oder setzten sich selbst permanent unter Drogen. In der Endphase verweigerten ganze Einheiten die Einsatzbefehle.

Und Marlin McDade? Wie bei den meisten Vietnam-Rückkehrern hatte er noch lange mit dem Trauma des Krieges zu kämpfen. Seine persönliche Art, damit fertig zu werden, bestand darin, nach Vietnam zurückzukehren, um sich an der Beseitigung von Kriegsfolgen zu beteiligen. So half er zum Beispiel bei der Räumen von Minenfeldern und der Entschärfung von Blindgängern. Und fand dabei Läuterung. Gegen Ende des Buches sagt er zu Pollini: »Weißt Du, worüber ich mich am meisten freue? Wenn ich nach jahrelanger Arbeit sehe, wie die Leute wieder auf ihre Felder gehen, um sie zu bestellen.«

Luca Pollini: Rückkehr nach Vietnam. Auf der Seite des Feindes. Aus dem Italienischen von Christina und Johanna Loquai, Zambon Verlag, Frankfurt am Main 2017, 126 Seiten, 15 Euro


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