Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 8 / Ausland

»Dann müssen wir uns verteidigen«

Internationalisten wollen in Nordsyrien Ökokooperative aufbauen. Angriff der Türkei erschwert das Projekt. Gespräch mit Agit Berxwedan

Interview: Peter Schaber
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Die Internationalistische Kommune Rojavas, ICR, arbeitet vor allem als zivile Struktur. Dennoch bleibt sie natürlich nicht vom Einmarsch der Türkei im Norden Syriens unberührt. Welchen Einfluss hat der Krieg?

Unsere Kommune liegt im Kanton Cizire, also noch sind wir ein Stück weit weg vom Krieg. Es gab aber bereits einzelne Provokationen der Türkei in der Nähe von Derik und in der Stadt Kamischli. Dort trafen Mörsergranaten ein Wohnhaus.

Die Strukturen der demokratischen Selbstverwaltung im Kanton Cizire reagieren auf den Krieg. So wurde eine generelle Mobilmachung angeordnet, d. h. die Bevölkerung aufgefordert, sich den Selbstverteidigungsstrukturen anzuschließen. Viele sind diesem Aufruf gefolgt.

Wir sind ja für zivile Arbeiten nach Rojava gekommen und sind da auf ganz unterschiedlichen Feldern aktiv: in der Jugendarbeit, in den Frauenstrukturen und im Bereich Ökologie. Das ist nun schwieriger geworden, da es jederzeit zu einem direkten Angriff der Türkei kommen kann. Aber wir haben uns auf eine solche Situation vorbereitet. Uns ist klar: Wenn der faschistische türkische Staat auch hier direkt angreift, werden wir uns verteidigen müssen. Dann werden wir an der Seite der Bevölkerung stehen.

Sie hatten vor, Anfang Februar eine breite internationale Kampagne unter dem Titel »Make Rojava Green Again« zu starten. Da sollte es um die Wiederaufforstung Nordsyriens gehen. Wird die Kampagne trotz des Krieges durchgeführt?

Einige Ziele dieser Kampagne, konkret zum Beispiel der Aufbau einer Baumschule, sind in dieser Situation nicht möglich. Zudem wollten wir 2.000 Bäume auf unserem Akademiegelände pflanzen, was sich auch verschieben wird. Ein Hauptaspekt der Kampagne ist aber, langfristig eine Brücke zwischen den Strukturen hier und Menschen auf der ganzen Welt zu sein. Das geht über den Austausch von technischem Wissen, ideologische Diskussionen und natürlich auch finanzielle Unterstützung. Und diese Arbeit werden wir weitermachen. Wir geben mit der Kampagne den Menschen die Möglichkeit, direkt die ökologischen Arbeiten der demokratischen Selbstverwaltung zu unterstützen. So werden wir mit dem Komitee für Naturschutz Ende des Jahres ein Naturschutzgebiet aufforsten.

Warum hat die ICR als Internationalistische Kommune diese Kampagne begonnen? Wie stellt sich die ökologische Lage in Rojava dar?

Sie leidet unter globalen Problemen wie dem Klimawandel und ist geprägt durch die Politik des syrischen Regimes und der Türkei. Damaskus hat Rojava immer als eine Kolonie verstanden, die ausgebeutet werden kann. Rohstoffe, insbesondere Öl, wurden gefördert und die Landwirtschaft über Monokulturen auf den Export ausgerichtet. Durch die Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden und Dünger im Kanton Cizire wurden die Böden zerstört.

Die Türkei hat in den letzten Jahrzehnten über den Bau von Megastaudämmen begonnen, die Wassermenge der Flüsse, die nach Syrien und in den Irak fließen, zu kontrollieren und zu minimieren. Sie nutzt das Wasser als Waffe gegen die Revolution in Rojava.

Wie kann man die Kampagne, aber auch generell die ökologischen Projekte in Rojava unterstützen?

Grundsätzlich wollen wir einen neuen Internationalismus beleben, welcher die Trennung von Kämpfen überwinden kann, sowohl geographisch als auch ideologisch. Das geschieht zum einen durch Entwicklung eines gemeinsamen Bewusstsein, also eines Verständnisses der Welt, in welcher wir heute leben. Denn die kapitalistische Moderne kann nicht nur aus einer Perspektive verstanden werden, noch gibt es den einen überall richtigen Kardinalsweg zu einer sozialistischen Gesellschaft. Gegenseitige Bezugnahme ist wichtig. Sich gegenseitig in den lokalen Kämpfen zu stärken und aus diesen einen gemeinsamen Kampf zu entwickeln.

Die Kampagne »Make Rojava Green Again« ist zudem eine Einladung an alle, an der Diskussion und dem Aufbau einer ökologischen Gesellschaft teilzunehmen. Zentral ist natürlich auch, dass Menschen hierherkommen und mithelfen.

Agit Berxwedan ist Mitglied der Internationalistischen Kommune Rojavas (ICR), eines Zusammenschlusses von Linken aus aller Welt in der Demokratischen Konföderation Nordsyrien


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