Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 6 / Ausland

Koloniales Gehabe

Frankreichs Präsident Macron zeigt der korsischen Autonomiebewegung die kalte Schulter

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei der Einweihung eines Platzes zu Ehren von Claude Erignac am Dienstag in Ajaccio

Zwei Tage verbrachte der französische Präsident Emmanuel Macron auf Korsika. Zurückgelassen hat er ratlose und enttäuschte Korsen. Die seit rund zwei Monaten auf der »Insel der Schönheit« regierenden Nationalisten – in der Regionalversammlung in Ajaccio halten sie seit der Wahl vom 10. Dezember eine knappe Zweidrittelmehrheit – sprachen von einer »verpassten Gelegenheit«. Ihre beiden Wortführer, Parlamentspräsident Jean-Guy Talamoni und Verwaltungsratschef Gilles Simeoni, verlangen seit Jahren einen Sonderstatus für ihre Insel. Bei Macron fanden sie kein Gehör.

Der Mann an der Spitze Frankreichs hatte für seinen Ausflug nach Korsika ein Datum gewählt, das den Inselbewohnern schon im Vorfeld eine Ahnung von dem gab, was Macron bei ihnen wollte. Am 6. Januar 1998 hatte ein sechsköpfiges Kommando korsischer Separatisten in der Hauptstadt Ajaccio den damaligen Präfekten Claude Erignac auf offener Straße mit drei Schüssen in den Hinterkopf getötet. Sechs mutmaßliche Täter wurden 2003 verurteilt und sitzen zum Teil lebenslange Strafen ab. Der vermeintliche Todesschütze Yvan Colonna beteuert nach wie vor seine Unschuld.

Macron war am Dienstag mit der Witwe und den beiden inzwischen erwachsenen Kindern Erignacs angereist, um einen nach dem Getöteten benannten Platz in Ajaccio einzuweihen und die Korsen, wie Pariser Tageszeitungen kritisch anmerkten, mit »rachevollen Worten« zur Rede zu stellen. Der Mord sei nicht nur schnöde und unsinnig gewesen, er »lässt sich nicht verteidigen«, ließ Macron die versammelten Repräsentanten der Insel wissen. Unter ihnen war der korsische Regierungschef Simeoni, der Colonna als Verteidiger im Prozess zur Seite gestanden hatte.

Für elf seit mindestens 15 Jahren auf dem Festland einsitzende frühere Attentäter hatten Talamoni und Simeoni eine Amnestie vorgeschlagen, zumindest aber deren Verlegung nach Korsika, um den Familien Besuche bei ihren Angehörigen zu erleichtern und sie finanziell zu entlasten. Macron habe dies nicht einmal in Erwägung gezogen, ließ Simeoni nach einem Gespräch mit dem Staatschef am Dienstag abend wissen.

In der Unterredung hatte er auch die von der gesamten korsischen Bevölkerung getragene Forderung eingebracht, der Insel einen in der französischen Verfassung garantierten Sonderstatus zuzugestehen. Das wäre für europäische Verhältnisse nichts Ungewöhnliches. Sardinien, Sizilien, die Balearen, Madeira oder die Inseln Guernesey und Jersey genießen seit Generationen begründete Sonderrechte. Zu einer solchen Regelung gehöre der »Residentenstatus«, der die Bewohner vor Immobilienspekulanten schützen soll. Zu verhindern gelte es, dass gut betuchte Festlandbewohner große Teile der Insel als Zweit- oder Drittwohnsitz aufkaufen und damit ärmere Einwohner verdrängen, die wegen der enorm gestiegenen Miet- und Grundstückspreise nicht mehr in ihrer Heimat leben können.

Das Problem kennen nicht nur die Korsen, sondern auch die Pariser. Tausende mussten in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten den Geburts- und Wohnort ihrer Eltern und Großeltern wegen unbezahlbarer Mieten verlassen und in die Banlieues und mehr als 50 Kilometer entfernte Schlafstädte ziehen. Für den Millionär Macron ist das jedoch kein Grund, eine gesetzliche Reform des Immobilienmarktes und des Wohnrechts zumindest ins Auge zu fassen.


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