Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 15 / Medien

Einheitssprech

Krieg ist Frieden und Lüge Wahrheit: Anmerkungen zur Berichterstattung über türkische Aggression auf syrischem Staatsgebiet

Von Klaus Fischer
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FSA-Söldner sind als türkische Hilfstruppen bei der Aggression gegen die Provinz Afrin eingesetzt

Was ist, wenn »freie Presse« bedeutet, fast alle nehmen sich die Freiheit, die gleiche Meinung zu haben und zu verbreiten? Antwort: Realität in Deutschland. Offenkundig ist, dass ein Großteil der Medien sich fast einheitlicher Formulierungen zur Beschreibung konkret historischer politischer Vorgänge bedient. Gemeint ist der Angriffskrieg, den reguläre türkische Streitkräfte auf syrischem Territorium seit dem 20. Januar führen.

Was ist zu hören und zu lesen bei ARD, ZDF, Deutscher Welle oder bei den großen privaten Medienhäusern? Nahezu überall ist dieser Angriffskrieg schlicht eine »türkische Offensive«, eine »türkische Militäroperation« bzw. ein »Militäreinsatz«. Beispiel: »Der Chefberater des türkischen Präsidenten Erdogan, Kalin, rechtfertigt im Interview den Militäreinsatz in Syrien.« (ARD, Tagesschau.de/4. Februar).

Man muss nicht Völkerrechtler bemühen, um das Eindringen regulärer Truppen eines Staates auf fremdes Territorium als Aggression zu bezeichnen. Das vorherige Zusammenziehen großer Verbände im grenznahen Raum spricht ebenso dafür wie die vorbereitende Bombardierung durch die türkische Luftwaffe und der Artilleriebeschuss. Ziele sind zumeist syrisch-kurdische Dörfer, in denen laut Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan »Terroristen« verschanzt sein sollen.

Wer es wissen will, weiß: Diese »Terroristen« sind jene Bewaffneten, die unter Führung der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) maßgeblich dazu beigetragen haben, die tatsächliche Terrororganisation »Islamischer Staat« zu bekämpfen. Sie zu beschreiben reicht in besagten Medien ein Stehsatz: »Aus Sicht der Türkei ist die YPG der syrische Ableger der PKK, die in der Türkei, aber auch in der EU und den USA als Terrororganisation geführt wird« (Focus.de, 22. Januar). Schon glaubt man sich aus dem Schneider.

Glück für die Mainstreammedien ist, dass sowohl der UN-Sicherheitsrat als auch die Vollversammlung nichts gegen den Angriff unternehmen. Da befindet sich die vermeintliche Weltordnungsmacht in trautem Verein mit nahezu allen maßgeblichen Verantwortlichen in der EU. Dumm nur, dass ausgerechnet US-Militärs die kurdischen Selbstverteidigungskräfte als Verbündetet behandelt haben und womöglich zum Teil noch behandeln. Deshalb bedarf es bei der Beschreibung des Kriegsaktes gelegentlich bedauernder Sätze wie: »Der Einsatz gegen die YPG gilt als heikel, da die Miliz im Kampf gegen die Dschihadisten-Organisation ›Islamischer Staat‹ eng mit den USA verbündet ist«. Und wenn es nicht so läuft wie vermutet, fallen Sätze wie: »Bei ihrer Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG im Norden Syriens muss die türkische Armee weitere Verluste hinnehmen: Am Sonntag seien zwei Soldaten ums Leben gekommen, teilte das Militär mit«.

Bei der insgesamt sparsamen Berichterstattung zu dem Thema ist auffällig: Ankaras Aggression wird versucht kleinzureden. Es soll zivile Opfer gegeben haben, wird besorgt vermerkt: Als ob bei Artilleriebeschuss besiedelter Gebiete so etwas auszuschließen wäre. Und dann sind da ja noch die Halsabschneider der FSA, eines Sammelsuriums von dschihadistischen Mordbrennern und Söldnern, die 2011 angetreten waren, die Regierung in Damaskus zu stürzen: »Kämpfer der Freien Syrischen Armee sind an der Seite des türkischen Militärs in Afrin einmarschiert. Einst kämpfte die FSA gegen Assad und für Demokratie. Doch mangelnde Unterstützung brachte sie auf einen anderen Weg.«


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