Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 15 / Medien

Rotstift von Facebook und Co.

Zwischen internen Regeln und gesetzlichen Auflagen: »Soziale Netzwerke« tun sich mit dem Community Management schwer

Von Carmela Negrete
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Digitale Müllentsorgung? Ausschnitt aus »The Cleaners«

Ist das noch Kunst, oder kann das weg? Das Gemälde »L’Origine du monde« – »Der Ursprung der Welt« des Malers Gustave Courbet ist weltbekannt. Es zeigt den Unterleib einer liegenden Frau. Im 19. Jahrhundert geriet das Werk zum Skandal. Der französische Kunstlehrer Frédéric Durand-Baissas stellte es 2011 in sein Facebook-Profil ein. Das Konto wurde daraufhin sofort gesperrt. Grund: Er solle gegen die Richtlinien des »Social-Media«-Konzerns verstoßen haben.1

Nun zieht der Lehrer gegen das US-Unternehmen wegen des Vorwurfs der Zensur vor Gericht. Durand-Baissas fordert, dass sein Nutzerkonto wieder aktiviert wird, und verlangt Schadensersatz in Höhe von 20.000 Euro. Für ihn gehört das Bild zum »kulturellen Erbe Frankreichs«.

Französische Gerichte seien nicht zuständig, hatte Facebook jahrelang argumentiert, da sich der Firmensitz in den USA befinde. Ein solches Gericht entschied allerdings 2016, dass Menschen sich an die Justiz des Landes wenden könnten, in dem sie zu jenem Zeitpunkt lebten, als sie den »Vertrag« mit Facebook, also die Einrichtung eines entsprechenden Kontos, eingegangen waren. Facebooks Anwälte bestritten nun am vergangenen Donnerstag in Paris, irgendeinen Fehler begangen oder Schaden verursacht zu haben. Außerdem habe der Mann ein anderes Konto anlegen dürfen, in dem er dasselbe Bild gepostet hatte, das aber nicht gesperrt wurde.2

Manchmal machen sich die soziale Netzwerke selber das Leben aber wirklich schwer. So im Fall der Streetart-Künstlerin Barbara: Manche ihrer Bilder soll Facebook wochenlang gesperrt haben. Dabei hatte sie Nazi-Grafittis boykottiert. Nachdem ein kleiner Skandal über die Kunst von Barbara ausgelöst wurde, die Hundertausende Follower hat, musste Facebook ihre Bilder wieder entsperren und sich bei ihr entschuldigen. Der Berliner Zeitung gegenüber soll eine Sprecherin von Facebook gesagt haben, dass die Beiträge »versehentlich« entfernt worden seien und dass das Unternehmen sich bei ihr für den Fehler entschuldigt habe.3

Einfach mal löschen, wenn irgendwas nicht passt? Oder wenn es jemand anderen stört? Klingt zu voreilig? Nachdem in Deutschland am 1. Januar das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft getreten ist, müssen die Betreiber bekanntlich innerhalb von 24 Stunden bis zu einer Woche »offensichtlich rechtswidrige Inhalte« löschen, nachdem Nutzer das entsprechend angezeigt haben. Sonst drohen Facebook und Co. Strafen bis zu fünf Millionen Euro.4

Die Diskussion über die Moderation bei Facebook und anderen Plattformen zieht sich schon seit längerem hin. Früher hat das Netzwerk sogar Bilder von stillenden Müttern getilgt und damit Empörung ausgelöst. Betrieben wird hier letztendlich Zensur, basierend auf internen Regeln der Plattformbetreiber. Dennoch gilt, dass sie sich an die jeweilige Gesetze der Länder anpassen müssen, in dem sie tätig sind. So musste Facebook im Januar einige Mohammed-Karikaturen auf Beschluss eines türkischen Gerichts löschen.5

Die Firmen machen Druck. Sie beauftragen Dienstleister, die »offensichtlich rechtswidrige« Inhalte löschen müssen oder solche, die gegen die eigenen Richtlinien verstoßen. Was aber soll dabei anderes herauskommen als ein Kahlschlag? Der Theaterregisseur Moritz Riesewieck hat bei einer Recherche entdeckt, dass diese Aufgaben nicht selten an Firmen auf den Philippinen outgesourct werden. Dort enden dann auf den digitalen Müllbergen unserer modernen schönen Welt auch gelöschte Meinungsäußerungen oder eben klassische Kunst: Neben Fotos und Videos von Gewalt, Pornographie usw. löschen schlechtbezahlte Mitarbeiter alles, was verdächtig scheint. Riesewieck hat mittlerweile dazu ein Buch geschrieben: »Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook und Co. von dem Bösen erlösen« und mit seinem Berufskollegen Hans Block eine Dokumentation gedreht, »The Cleaners«, die auf dem Sundance Festival gezeigt wurde.

Am 15. Mai entscheidet das französische Gericht, ob der Kunstlehrer Recht hat und entschädigt wird. Das Urteil könnte ein Präzedenzfall werden – und im im besten Falle sehr teuer fürs Facebook & Co.

1 https://kurzlink.de/zensur-courbet
2 https://kurzlink.de/zensur-bestritten
3 https://kurzlink.de/streetart-zensiert
4 https://kurzlink.de/loeschfleiss
5 https://kurzlink.de/muetter-bilder


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