Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Frankreich lebt auf Pump

Wirtschaft unseres großen Nachbarn wächst, aber auch das Handelsbilanzdefizit

Von Dieter Schubert
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Auch Orangen: Frankreichs Präsident Emanuel Macron besuchte am Mittwoch das nationale Institut für Agrarforschung nahe Bastia auf Korsika

Die Meldung überrascht nicht: Frankreichs Handelsbilanz ist 2017 deutlicher ins Minus gerutscht als im Jahr davor. Auch wenn auf der politischen Klaviatur der Europäischen Union Paris die tonangebende Kraft zu sein scheint, war lange schon deutlich, dass die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme der Grande Nation erheblich sind. Nicht von ungefähr waren die zwei Vorgänger von Staatspräsident Emmanuel Macron bereits nach der ersten von zwei möglichen Amtszeiten abgewählt worden. Deutschlands großer Nachbar hat heute zwar einen medial gefeierten Anführer, die Staatsfinanzierung ist dabei nur deshalb nicht illegal, weil die EU-Kommissionen immer wieder Ausnahmegenehmigungen für das Überschreiten der Neuverschuldungsobergrenzen erteilt hatte.

Das Handelsbilanzdefizit ist einer der Indikatoren, die das Problem der französischen Ökonomie anzeigen: die schwindende Konkurrenzfähigkeit auf den Außenmärkten. Das Minus im Warenaustausch der zweitgrößten Volkswirtschaft der EU wuchs um rund 29 Prozent auf 62,3 Milliarden Euro, wie der Zoll am Mittwoch bekanntgab. 2016 hatte der Wert der Warenimporte den der Exporte um 48,3 Milliarden Euro überschritten. Das Anziehen der Konjunktur im vergangenen Jahr habe sich auch auf die Handelsbilanz ausgewirkt.

Dabei waren bei insgesamt erhöhtem Außenhandelsumsatz die Importe stärker als die Exporte gewachsen. Frankreich führte Waren im Wert von 535,5 Milliarden Euro ein, im Export kam das Land aber nur auf 473,2 Milliarden Euro. Damit verschlechterte sich die Bilanz das zweite Jahr in Folge, nachdem sie sich davor vier Jahre lang etwas verbessert hatte. Der Austausch von Dienstleistungen ist in dieser Statistik nicht berücksichtigt. Der Anstieg des Defizits basiere zu einem großen Teil auf einer höheren Rechnung für Energieimporte, die mit dem Anstieg des Ölpreises zusammenhingen, weist die Statistik aus.

Kurzum, die Franzosen leben stärker auf Pump – im Gegensatz zu den Deutschen, die eher auf Kredit Waren liefern. Das BRD-Handelsbilanzplus belief sich zuletzt allein im November 2017 auf 23,7 Milliarden Euro. Und weil sich am Mittwoch abzeichnete, dass in Berlin schon wieder Union und SPD regieren werden und letztere womöglich den Finanzminister stellt, kann der »Reformer« Macron wieder auf »Solidarität« hoffen.


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