Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Handpuppe Teherans?

Die libanesische Hisbollah ist alles andere als eine Marionette ausländischer Mächte

Von Wiebke Diehl
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Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah bei einer Ansprache am 19. Januar in Beirut

Insbesondere in westlichen Medien wird die libanesische Hisbollah regelmäßig als Handlanger Teherans, als reine Marionette in der Hand der iranischen und bisweilen auch der syrischen Regierung dargestellt.

Tatsächlich wurde die »Partei Gottes« Mitte der 80er Jahre zwar mit einer tiefen ideologischen Verbindung zur Islamischen Republik gegründet, die die Schaffung eines religiösen Staates zum Ziel erklärte, diese aber an eine breite Zustimmung in der Bevölkerung knüpfte. Die finanzielle, militärische und strategische Verbundenheit mit dem Iran verschweigen Vertreter der Partei nicht. So erklärte ihr Generalsekretär Hassan Nasrallah im Juni 2016 als Reaktion auf US-Sanktionen: »Das Budget der Hisbollah, ihr Einkommen, ihre Ausgaben, alles, was sie isst und trinkt, ihre Waffen und Raketen kommen aus der Islamischen Republik Iran.« Zugleich aber erklärten die Akteure der Hisbollah den Widerstand gegen die israelische Besatzung im Libanon von Beginn an zum Hauptziel. Ihre Selbstwahrnehmung als libanesische Partei nahm sukzessive zu, genau wie ihr Engagement im libanesischen politischen System.

Insbesondere nach dem israelischen Junikrieg im Libanon 2006 erfuhr die Hisbollah eine breite Anerkennung, die weit über konfessionelle Grenzen hinausreichte. Bis heute ist davon weit mehr zu spüren, als viele Kommentatoren zugeben möchten, auch wenn die Beteiligung am Krieg in Syrien dem Ruf der Hisbollah in bestimmten Milieus geschadet haben mag. Der Respekt, der insbesondere Hassan Nasrallah erwiesen wird, speist sich nicht allein aus militärischen Erfolgen. Auch sein Diskurs, in dem sich allen Gerüchten zum Trotz keine andere Konfessionen abwertenden Elemente finden, hat seinen Teil dazu beigetragen. Ein Zitat des Hisbollah-Chefs von kurz nach Ende des Krieges 2006 spiegelt wider, wie er unterschiedliche Ebenen von Identität miteinander verschmilzt: »Wir fühlen, dass wir gesiegt haben, dass der Libanon gesiegt hat, dass Palästina gesiegt hat, dass die ganze arabische Nation gesiegt hat und dass jeder Unterdrückte, Entrechtete und Angegriffene auf dieser Welt gesiegt hat. Unser Sieg ist nicht der Sieg einer Konfession und nicht der Sieg einer Gruppe. Es ist der Sieg des libanesischen Volkes und jedes Freien auf dieser Welt.«

Nasrallah verbindet die unterschiedlichen Identitätsebenen anhand einer Verpflichtung, allen »Unterdrückten der Welt« beizustehen, egal ob in Syrien, Libanon oder Venezuela, wie Nasrallah einmal betonte. »Seid des Unterdrückers Gegner und des Unterdrückten Unterstützer«, zitiert Nasrallah häufig den schiitischen Imam Ali. Dieses Motto habe universelle Geltung, egal welcher Konfession ein Hilfsbedürftiger angehöre und welcher Familie, Region oder Nation er entstamme.

Zwar werden Elemente schiitischer Traditionen immer wieder herangezogen – zur Abgrenzung von anderen oder gar zum Schüren von Hass werden sie indes nie verwendet. Man fühlt sich sowohl mit der schiitischen Glaubensrichtung als auch mit dem Islam als Ganzem verbunden. Die Zugehörigkeit zur arabisch geprägten Welt steht neben der klaren Selbstdefinition als genuin libanesischer Bewegung. So wurde auch der Eintritt in den Krieg in Syrien als in erster Linie nationale Aufgabe definiert: »Hätte die Hisbollah nicht in Kusair und in den Kalamun-Bergen gekämpft, wären die Kämpfe bis in den Südlibanon und nach Beirut gekommen«, erklärte Nasrallah während eines sechsstündigen Interviews im Sommer 2015.

Ein Handlanger, der blind die Anweisungen seines Meisters ausführt, würde sich anders anhören, und das politische Agieren der Hisbollah der letzten Jahrzehnte erzählt ebenfalls eine andere Geschichte. Bestes Beispiel sind die Ereignisse vom Mai 2008, als die Organisation nach gewaltsamen Zusammenstößen mit Anhängern Saad Hariris die Kontrolle über Beirut übernahm. Beobachter hielten den Atem an und sagten eine nie dagewesene Explosion in der Region voraus. Die Hisbollah aber gab die Kontrolle aus freien Stücken in die Hände der libanesischen Armee, mit der sie Jahre später im syrisch-libanesischen Grenzgebiet eine gemeinsame Offensive gegen islamistische Gruppen durchführte.


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