Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 2 / Inland

»Berlin ist mein Zuhause, Palästina meine Heimat«

Über deutsch-palästinensische Identitäten und politische Kunst. Gespräch mit Faten el-Dabbas

Interview: Peter Schaber
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Dem Leid der Palästinenser einen lyrischen Ausdruck geben: Poetry-Slam-Künstlerin Faten el-Dabbas

Wenn Sie für Poetry Slams Gedichte schreiben, sind es oft biographische Erfahrungen die eine Rolle spielen: Flucht und Vertreibung, Ihre Identität als Deutsch-Palästinenserin. Was bedeuet Palästina für Sie?

In Palästina habe ich niemals gelebt und war bisher nur zweimal dort. Es ist aber der Ort, der mein Ursprung ist, wo ich meine Wurzeln habe. Palästina ist meine Heimat, Berlin mein Zuhause.

In meinen Texten vermischen sich biographische Erfahrungen, Beobachtetes, von anderen Erzähltes und selbst Erlebtes. Wenn ich auf der Bühne performe, versuche ich bei den Zuhörern einen Moment des kollektiven Wahrnehmens zu schaffen, um gemeinsame Erfahrungen sichtbar zu machen. Wenn ich dabei über Palästina spreche, dann, um die Leiden der Palästinenser zu teilen. Palästina ist für mich durch den Nahostkonflikt zu einem symbolischen Ort geworden, einem Ort fernab von Frieden und Gerechtigkeit. Würde es diesen Konflikt nicht geben, hätte ich gar nicht so viel Erzählbedarf.

Wie wird die aktuelle Eskalation in Israel und Palästina in der palästinensischen Community Deutschlands diskutiert? In den hiesigen Medien existiert ja zumeist ein sehr einseitiges Bild der Palästinenser ...

Vorweg: Ich kann natürlich nicht stellvertretend für die jungen Palästinenserinnen und Palästinenser hier sprechen. Natürlich ist aber das erste, was die Trump-Deklaration zu Jerusalem und die Medienberichterstattung erzeugen, Wut. Und diese Wut treibt Menschen auf die Straße, zu Demonstrationen.

Was mich besonders aufregt, ist, wenn dann Journalisten gezielt junge Palästinenser ansprechen, die sich nicht so gut artikulieren können, um reißerische Bilder zu produzieren. Sie suchen sich junge Leute raus, die dann antisemitische Sätze sagen. Und den jungen Leuten ist das nicht bewusst. Andere konstruktive Beiträge werden gar nicht erst gezeigt.

Generell ärgert mich, dass der eigentliche Konflikt nicht thematisiert wird, sondern hauptsächlich die palästinensischen Reaktionen, etwa auf die Jerusalem-Entscheidung. Es geht da gar nicht mehr um die Frage des Friedens zwischen Israel und Palästina, sondern es wird nur gefragt: Wie reagieren die Palästinenser, Araber und Muslime? Und es entsteht eine Antisemitismusdebatte, die hier nicht hingehört. Das sind verschiedene Probleme, für die unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.

Welche Faktoren meinen Sie?

Wenn man über die Jerusalem-Entscheidung spricht, dann sollte man einen anderen Diskurs führen. Es ist klar, was Israels Ziel ist: Immer wieder Tatsachen zu schaffen, die eine Zweistaatenlösung weiter und weiter in die Ferne rücken. Die Instrumente dieser Politik sind klar: Siedlungsbau, Landraub und die Durchsetzung des Rechts des Stärkeren. Wenn die Staatengemeinschaft da einfach tatenlos zusieht, dann braucht man sich auch nicht über die Wut der Palästinenser zu beschweren. Durch dieses Faktenschaffen rückt ja jede Lösung weiter weg. Eine Zweistaatenlösung sehe ich auch nicht mehr als realistisch.

Was ist denn überhaupt noch realistisch?

Durch die Entscheidung der Trump-Administration ist klar geworden, dass die USA kein neutraler Verhandlungspartner sind. Aus der EU aber kamen durchaus kritische Stimmen. Ich hoffe, dass sich diese ein größeres Gewicht verschaffen und sich eindeutiger positionieren. Auf Deutschland würde ich da nicht setzen, aber vielleicht im EU-Kontext. Das ist so die minimale Hoffnung, die sich da jetzt angesichts der aktuellen Entwicklung gezeigt hat.

Lassen Sie uns zu Ihrer künstlerischen Tätigkeit zurückkommen: Wenn Sie politische Themen verarbeiten, haben Sie den Eindruck, dass das etwas ändert? Auf poetry slams findet sich ja ein sehr breites, oft nicht sehr politisches Publikum ein ...

Ich habe ja mit den poetry slams bei Wettbewerben angefangen. Mit politischen Texten merkte ich schnell, dass ich da eher eine Ausnahme bin. In der Regel geht es da um den Unterhaltungsfaktor. Witzige und banale Themen werden in künstlerischer Form auf die Bühne gebracht.

Meine Texte kamen gut an, ich hatte nie negative Erfahrungen. Aber ich habe gemerkt, dieser Wettbewerbsfaktor macht für mich keinen Sinn. Ich habe mir dann eher Bühnen gesucht, wo es politischer zugeht. In den USA zum Beispiel, auch in Lateinamerika, wo ich zuletzt war, geht es bei den poetry slams nicht in erster Linie um Unterhaltung, sondern wirklich um gesellschaftskritische Themen und Meinungsbildung.

Die deutsch-palästinensische Künstlerin Faten el-Dabbas tritt mit gesellschaftskritischen Texten bei poetry slams auf. Zuletzt erschien von ihr der Gedichteband Keine Märchen aus 1001 Nacht


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