Aus: Ausgabe vom 07.02.2018, Seite 16 / Sport

Neuland

Von André Dahlmeyer
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»Pferdeäpfel, Hurenkinder – hier grüßt euch Papa!« Argentinische Fußballfans sind charmante Gastgeber (River Plate gegen Boca Juniors, 5.11.2017)

Einen wunderschönen guten Morgen! Nachdem es die großen argentinischen Klubs während der Sommerpause auf dem Transfermarkt so richtig haben krachen lassen, wurde am Wochenende bereits der 14. (von 27) Spieltag der sogenannten Superliga ausgetragen. Die Woche zuvor hatte von den »G 5« nur Boca gewonnen und so den Vorsprung auf Verfolger San Lorenzo de Almagro um drei auf bereits sechs Punkte ausbauen können, ohne freilich zu überzeugen. Am Sonntag hatte Papstklub San Lorenzo im Stadion »Nuevo Gasómetro« Heimrecht gegen die »Xeneizes«, der Zweite gegen den Rrsten, bis dahin zweifellos das Spiel des Jahres beim amtierenden Vizeweltmeister. Boca konnte sich auf neun Punkte absetzen, das wäre praktisch eine Vorentscheidung im Titelrennen, oder eben die Sanlorencistas wieder auf drei Punkte heranrücken. Ein Remis hielt kaum jemand für möglich. Seit San Lorenzo seine Heimspiele im »Nuevo Gasómetro« austrägt, also seit 1994, geschah das nur ein einziges Mal. Meistens gewann San Lorenzo.

Erzrivale River Plate indes lag nach dem 13. Spieltag mit bereits 18 Punkten Rückstand auf den Tabellenführer nur auf einem peinlichen 19. Rang. Von einer »Krise« wollte man jedoch nichts wissen. Bescheiden wies man darauf hin, dass Boca seit Äonen keinen internationalen Titel mehr hat einheimsen können, während sich River Plate nach dem direkten Wiederaufstieg aus der B Nacional (2011/12) förmlich daran besoff. Was zur Folge hatte, dass man ununterbrochen seine Stars für mittlerweile gar nicht mehr so wenig Bakschisch (wie gesagt, die Preise sind explodiert – allerdings ist die Inflation auch weltweit die zweithöchste) nach Europa verschiffte, wo alles so unglaublich billig ist, was die Menschen dort aber anders zu sehen scheinen. River Plates Trainer Marcelo Gallardo, mittlerweile nennen die Fans ihn liebevoll »Napoleón«, muss seitdem jedes Semester ein neues Team mit immer derselben Identität erfinden, und unglaublicherweise ist ihm das bis dato immer gelungen. Unlängst wurde er mit einem neuen Vierjahresvertrag ausgestattet, so etwas gab es in Silberland, wo alles kopf-hacke-schnell gehen muss, noch nie. Man schwadroniert nun viel von einem »integralen Projekt«, und wenn sie nur einen Bruchteil davon auch wirklich machen, dann ist das für Argentinien absolutes Neuland, es wird also vor allem darauf ankommen, dass niemand seine Hand in die Kaffeekasse steckt, wie es landauf, landab Usus ist.

Kommen wir zurück ins »Nuevo Ga­só­metro«, wo die Stimmung mittlerweile am Kochen ist. »Pferdeäpfel, Hurenkinder – hier grüßt euch Papa!« singen die Anhänger der gastgebenden »Azulgrana« und: »Sie sind als unsre Kinder geboren, als unsre Kinder werden sie auch sterben!« Es sind fast vierzig Grad in Buenos Aires, Gästepublikum gibt’s nicht. Der Ex-Inter-Mailand-Kicker Rubén Botta trifft für die aus Boedo bereits nach knapp drei Minuten. Nach einer Viertelstunde antwortet China-Heimkehrer Carlos Tévez für die Gäste aus La Boca nach einer Ecke per wuchtigem Kopfball unter die Latte. Bei San Lorenzo werden zwei Kicker des Feldes verwiesen. Vor allem die Rote für Ga­briel Rojas war ein Skandal: Sein Gegenspieler Wílmar Barrios hätte vom Platz gestellt und überdies ad hoc verhaftet werden müssen! Ansonsten gab es noch Schmähgesänge des gesamten Stadions gegen Staatspräsident Macri: »Mauricio Macri, verdammt sei die Hure, die dich geworfen hat!« Charmant.


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